Nerv-Journalismus

„Seit mehr als 40 Jahren lese ich regelmäßig Zeitung.“ Nachdenklich streicht sich Hans O. über das schüttere graue Haar. Durch das Altbaufenster scheint die Kreuzberger Sonne auf den altertümlichen Schreibtisch vor ihm. Die Tischplatte ist fast vollständig bedeckt mit verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. „Aber irgendwer muss den Journalisten mal erklären: Man kann Artikel auch anders anfangen, als mit menschelndem O-Ton.“

Offensichtlich lernt man es auf den Journalistenschulen, dass Hintergrundartikel immer so beginnen müssen. Im Titel steht – sagen wir – „Wer wählt die AfD?“ und der Artikel fängt an mit einem Leipziger Kioskbesitzer, der irgendwelches unausgegorene Zeug von sich gibt. Und dann erst kommt man langsam zum eigentlichen Thema.

Mich macht das rasend. Ich lese die Überschrift, denke „Ah interessant, wer wohl?“ und muss mich erst durch drei Absätze vollkommen irrelevantes Gelaber lesen, bevor die erste echte Information auftaucht.

Liebe Journalist/inn/en, man kann auch so anfangen: „Nach einer am 10.3. veröffentlichten Umfrage des Instituts Schmalensbach, würden 34 % aller Wahlberechtigten mit Hauptschulabschluss AfD wählen, hingegen nur 3 % der Wahlberechtigten mit abgeschlossenem Hochschulstudium. Der Politologe Prof. Schlaumeier von der Universität Bielefeld meint dazu: … etc. etc.“ *

Schnell auf den Punkt kommen. Relevante Infos am Anfang. Dann vertiefen. Was spricht dagegen, so zu schreiben? Dieses Gemenschel am Anfang kann ja mal ganz nett sein, bei touristisch orientierten Reisebeschreibungen z.B.. Aber doch bitte nicht in jedem verdammten Artikel, auch wenn es um politische, technische, wirtschaftliche Sachverhalte geht!

„Und am Ende des Artikels wird das wieder aufgenommen.“ Hans O. lächelt schmerzlich. „Aber gut – ich habe mir eben angewöhnt, nur noch den Mittelteil zu lesen.“

*Das ist alles frei erfunden! Bitte nicht als Quelle für irgendwas benutzen!

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Auf dem Sprachfluss zu Berg

Kopf, Kristin: Das kleine Etymologicum. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache. Stuttgart (Klett-Cotta) 2014

„Geil“ hatte in meiner Jugend – ich schätze so bis Ende der 1970er Jahre – eine rein sexuelle Bedeutung. Heute heißt es in den meisten Zusammenhängen nichts anderes als etwa „toll“ oder „super“. Ein Beispiel für Bedeutungswandel, den ich selbst bewusst mitbekommen habe. Wobei „toll“ ja ursprünglich so viel hieß wie „dem Wahnsinn verfallen“- eine Bedeutung, die  heute so gut wie verschwunden ist.

Aber … was heißt hier eigentlich ursprünglich?  Bis ins neunzehnte Jahrhundert  (und das habe ich nun aus dem Buch gelernt!) hieß „geil“ nämlich soviel wie „lustig, fröhlich, übermütig“ und Zeitgenossen beklagten, wie das Wort durch die sexuelle Aufladung seine Unschuld verloren habe.

Ein Wort bleibt gleich und ändert seine Bedeutung. Ein Wort behält seine Bedeutung, verändert sich aber in Aussprache und Schreibweise. Oder alles beides ändert sich im Lauf der Zeit. Niemand spricht heute noch so wie Goethes Zeitgenossen, aber verstehen würden wir uns noch. Noch ein paar hundert Jahre früher, und es würde schon schwerer für deutsch sprechende Zeitreisende.

Das verschieben sich Laute, da werden ganze Wörter zu Endungen degradiert, Endungen verselbstständigen sich zu eigenen Wörtern, fremde Wörter wandern ein und werden heimisch, Wörter veralten und sterben aus … In der Sprachgeschichte ist richtig was los. Wenn man  nur ein wenig darüber erfährt, wird klar, was für ein naives und zum Scheitern verurteiltes Unterfangen es ist, einen bestimmten Sprachzustand einfrieren und als für immer richtig definieren zu wollen, sprich eine Sprache zu „schützen“. Wenn eine Sprache gesprochen wird, lebt sie. Und was lebt, verändert sich.

Sprache wird geprägt von gesellschaftlichen Verhältnissen. Und wo eine Wirkung ist, ist auch eine Wechselwirkung. Es ist also nicht unbedingt eine dumme Idee, wenn man versucht eine erwünschte Veränderung zu fördern, indem man die Sprache ein wenig verändert. Das macht auch Kristin Kopf. Sie verwendet bei Gruppenbezeichnungen zufällig verteilt mal die männliche, mal die weibliche Form. Anfangs stutzt man gelegentlich  („Die Vandalinnen haben Rom verwüstet? Wieso das denn? Und was haben ihre Männer währenddessen gemacht?“) aber nach einer Weile ist man daran gewöhnt und es liest sich viel flüssiger und eleganter als Texte, die mit Schrägstrichen, großen Is oder Gendersternchen durchsetzt sind. Und es kommt insgesamt der Wahrheit näher, als wenn nur die männlichen Formen benutzt werden: Denn natürlich haben die Frauen am Sprachwandel genauso mitgewirkt wie die Männer.

Überhaupt merkt man der Autorin an, dass sie ihr Thema liebt. Sie spielt selbst gerne mit der Sprache, assoziiert, hüpft von einem Thema zum anderen, dass es eine Freude ist. Sehr hübsch ist die Flussmetapher, mit der zu Anfang die Sprachentwicklung beschrieben wird. Und sie wirft das Flussbild auch gerade noch rechtzeitig über Bord, bevor der Kahn völlig auf Grund gelaufen ist.

Das Buch richtet sich offensichtlich nicht an Sprachwissenschaftlerinnen sondern an interessierte Laien. Ich habe damit Spaß gehabt und viel gelernt.

Twitter-Lyrik

Nachdem nun  auch  Sarah Wagenknecht in der FAZ anlässlich der Rezension einer Goethe-Biografie den twitterbedingten Niedergang der  deutschen Sprache beklagt, sehe ich es ein: Es wird höchste Zeit gegenzusteuern. Zeit, der geistig verkümmernden Twitter-Generation etwas Kultur aufs Auge zu drücken – in Form von klassischer deutscher Lyrik.  Wer wäre dazu berufener als ich? Welches Medium wäre dafür geeigneter als Twitter? Eben.

Haikus sind ideale Twitter-Lyrik. Haikus sind praktisch nie länger als 140 Zeichen.  Und es gibt auch ein paar Beispiele deutscher Haiku-Dichtung. Rilke hat schon 1920 damit experimentiert. Besser gefallen hat mir aber  ein späteres Beispiel von Günter Eich:

Vorsicht

Die Kastanien blühn.
Ich nehme es zur Kenntnis,
äußere mich aber nicht dazu

Von Günter Eich stammt auch ein Gedicht, das in einem  meiner Schulbücher abgedruckt war. Das geht so:

Verlassene Alm

Regenwasser
in den Trittspuren der Kühe.
Ratlose Fliegen
nah am November.

Der rote Nagel wird den Wind nicht überstehen.
Der Rahmen wird in den Angeln kreischen,
einmal an den Rahmen schlagen,
einmal an die Mauer.

Wer hört ihn?

Das ist natürlich kein Haiku und viel zu lang für einen Tweet. Andererseits ist die erste Strophe für sich genommen auch schon ein schönes Gedicht. Und mit  gerade mal 73 Zeichen absolut twittertauglich. Mit 139 Zeichen würde die zweite Strophe auch gerade noch in einen Tweet  passen. Und das lehrerhafte „Wer hört ihn?“ am Schluss lassen wir weg.

Und damit wären wir schon beim mutigen, kreativen Umgang mit der Lyrik. „Zerpflücke eine Rose – jedes Blatt ist schön.“ sagt Bertolt Brecht und hat vollkommen Recht. Er war in dieser Hinsicht ja auch nicht gerade zimperlich. Na dann:

Das kleine Haus unter Bäumen am See
Vom Dach steigt Rauch.

ist doch ein wunderbares Haiku. Auch die brechtisch-belehrende zweite Strophe ist zwar sehr schön (und passt sogar noch innerhalb eines einzigen Tweets dazu):

Fehlte er,
Wie trostlos dann wären,
Haus Bäume und See.

Wenn einem aber nicht nach Nachdenken ist sondern nur nach schönen Bildern, kann man sich auf die erste Strophe beschränken. Wir arbeiten uns jetzt vor zu den Klassikern. Von Friedrich Hölderlin stammen die Zeilen:

Die Mauern stehen
Sprachlos und kalt. Im Winde
Klirren die Fahnen.

Wow, das ist gewaltige Sprache! Wen fröstelt da nicht? Und dann ist es auch noch ein lupenreines Haiku nach der 5-7-5-Silbenregel*. Obwohl Hölderlin (wahrscheinlich) nie etwas von Haikus gehört hat.  Natürlich stammen auch diese drei  Zeilen wieder aus einem etwas  längeren Gedicht, und zwar aus dem großartigsten Stück Lyrik, das ich kenne. Aber die drei Zeilen funktionieren auch ohne den Zusammenhang, oder etwa nicht? Ich meine: Man kann das machen.

Wo wir schon so weit gekommen sind, knöpfen wir uns jetzt Goethe vor, um den es ja irgendwie die ganze Zeit geht. Da ist viel zu holen. Wer des Vaterlands mal wieder so richtig überdrüssig ist (was ja so selten nicht vorkommen soll), findet seine Stimmung vielleicht in folgenden Zeilen wieder (120 Zeichen):

Ehrlicher Mann
Fliehe dies Land.
Tote Sümpfe,
Dumpfe Oktobernebel
Verweben ihre Ausflüsse
Hier unzertrennlich
.

Auch das ist mitten aus einem langen Gedicht herausgetrennt. („An Behrisch“). Das darf man! Was lernen wir daraus? Twitter ist ein cooles Medium um Lyrik zu verbreiten, kreativ damit umzugehen und natürlich auch um selber zu dichten, wenn man mag.  Wir schließen mit einem lyrischen Aphorismus von Goethe, der nicht nur in einen Tweet sondern auch gut zum Aufhänger dieses Blogposts passt:

Steil wohl ist er, der Weg zur
Wahrheit, und schlüpfrig zu steigen,
Aber wir legen ihn doch nicht
gern auf Eseln zurück
.

*jedenfalls wenn man bei der ersten Zeile ein bisschen mogelt und aus Hölderlins „stehn“ ein „stehen“ macht. Ich war so frei.

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See.
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen und wo
Den Sonnenschein
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Friedrich Hölderlin

Ist das nicht großartig? Erst diese exaltierte, berauschte Naturschwärmerei, und dann – zack! – wie ein eiskalter Griff ans Herz das „Weh mir!“. Da steht der Dichter in der strahlenden Septembersonne am See und plötzlich überfällt ihn wie ein schwarzer Schatten der Gedanke an den langen kalten Winter, der bevorsteht. Für mich ist es das Gedicht des unglücklichen Menschen, der eine schöne Gegenwart kaum genießen kann, weil sein Gehirn unaufhörlich arbeitet und düstere Bilder produziert, die sich in den Vordergrund schieben. Bilder von Dingen die passieren werden oder auch nur passieren könnten. Ein deutsches Gedicht.

Papa, ich geh zum Zirkus!

Sash, der Taxifahrer, hat ein Buch geschrieben. Es heißt: „Papa, ich geh‘ zum Zirkus! oder: Karriere, kann man das essen?“ Das ist ein schönes Buch, ein lustiges Buch. Ich habe es gerne gelesen.

Sascha Bors, den viele von seinem Blog „Gestern Nacht im Taxi“ kennen, erzählt darin Geschichten aus seinem Berufsleben, oder besser gesagt aus seinen wechselnden Bemühungen, das wenige Geld zu verdienen, das er zum Leben braucht. Die Sammlung  ist chronologisch geordnet und beginnt vor etwa anderthalb Jahrzehnten mit einem Besuch seiner  Oberschulklasse im Stuttgarter Berufsinformationszentrum und endet mit dem gegenwärtigen Traumberuf des Autors: Taxifahrer in Berlin.

Dazwischen lesen wir Geschichten über die verschiedensten Arbeitsverhältnisse, allesamt prekär und – mit einer kurzen Ausnahme – schlecht bis miserabel bezahlt. Den Tiefpunkt markiert der Job beim Sklavenhändler (vulgo: Zeitarbeitsfirma). Hier nimmt die Erzählung kurz wallraffsche Züge an. Sehr sympathisch: es stört den  Autor nicht so sehr, einen lächerlich geringen Stundenlohn  zu verdienen. Viel mehr regt es ihn auf, wenn er herumgeschubst und schlecht behandelt wird.

Das Buch ist aber alles andere als eine Sozialreportage; es ist eine Sammlung unterhaltsamer Geschichten und manchmal zum Brüllen komisch. Liebevoll schildert Sascha Bors die Menschen, die ihm begegnet sind. Besonders gelungen fand ich die Episode, die möglicherweise auch für den Autor ein prägendes Kapitel in seinem bisherigen Leben war: als er im Behindertenfahrdienst arbeitete.

Sascha Bors schreibt eine einfache klare Sprache und gibt nur ganz selten der Versuchung nach, eine gewollt witzige Formulierung einzubauen. Streckenweise erinnert seine Erzählweise an Wladimir Kaminer, mit dem er ja auch gemeinsam hat, aus der Ferne nach Berlin eingewandert zu sein und hier hochdeutsch gelernt zu haben.

Ich kann mir gut vorstellen und wünsche es mir auch, dass Sascha Bors in Zukunft noch weitere Bücher mit Geschichten herausbringt. Und ich wünsche ihm natürlich einen Riesenerfolg. Andererseits: Wenn Sash irgendwann als Bestseller-Autor Millionen scheffelt, wer schreibt dann die tollen Taxi-Geschichten?

Papa, ich geh‘ zum Zirkus! oder: Karriere, kann man das essen?“ von Sascha Bors gibt es als E-book bei Amazon. Es kostet 2,99 € . Wer mit Amazon nichts anfangen kann oder will, wendet sich am besten direkt an den Autor. Der wird Mittel und Wege finden. Findet er ja immer.

Tipps für die Mehrheit

Nehmen wir mal an, Sie sind ein bisschen denkfaul und folgen im Großen und Ganzen den Mainstream-Anschauungen, die an Stammtischen und in Redaktionen vorherrschend sind. Wie wehren Sie sich gegen Kritik, ohne Gefahr zu laufen, etwas dazulernen zu müssen? Hier ein Leitfaden:

  1. Man wird ja wohl noch sagen dürfen …
    Je lauter und larmoyanter Sie sich zum unschuldigen Opfer der „jüdischen Lobby“, einer Sprachpolizei, der „Political Correctness“ etc. ernennen desto besser. Diese, auch „Täter-Opfer-Umkehr“ genannte Disziplin haben die Deutschen zur Perfektion entwickelt.
    Eine besondere Glanzleistung zeigte jüngst die Stadt Saalfeld, als sie am Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz einen Kranz an der Gedenktafel für die Opfer der alliierten Bombenangriffe niederlegte.

  2. Mach doch einfach die Bluse zu!
    Erklären Sie den Opfern von Gewalt und Diskriminierung, dass sie a) selber schuld sind und/oder b) sich nicht so anstellen sollen. Der Klassiker: Frauen, die einen kurzen Rock tragen, sind selbst daran schuld, wenn sie vergewaltigt werden. In der gemäßigten Variante heißt das: „Wehr dich doch einfach!“
    Man muss auch dunkelhäutigen Menschen unbedingt erklären, dass sie gefälligst nicht verletzt zu sein haben, wenn man sie „Neger“ nennt. Denn das wird man ja wohl noch … (s.o.)

  3. Absichtliches Missverstehen
    Wenn es Ihnen zu schwierig wird, sich zu verteidigen, verteidigen Sie sich einfach gegen etwas, das keiner behauptet hat! Erst vor kurzem haben „Spiegel“, „ Zeit“ und Co. mal wieder vorgemacht, wie das geht: Mit äußerster Penetranz wurde wiederholt, das Simon-Wiesenthal-Center habe Jakob Augstein zu einem der 10 schlimmsten Antisemiten der Welt gestempelt. Da Augstein nicht ausdrücklich erklärt hat, Israel oder die Juden vernichten zu wollen (und im Gegensatz z.B. zum Iran auch in absehbarer Zeit nicht über die Mittel dazu verfügen wird), wäre das natürlich übertrieben gewesen. Es war deshalb viel leichter, dagegen zu polemisieren als gegen das, was das SWC wirklich getan hat: Augsteins Äußerungen auf eine Top-Ten-Liste antisemitischer Tiraden zu setzen.
    Ein anderes schönes Beispiel für absichtliches Missverstehen hat die BILD-Zeitung gerade abgeliefert: Der Stern-Redakteurin, die vom FDP-Brüderle blöde angebaggert worden war, wird implizit Unglaubwürdigkeit vorgeworfen, weil sie in einem früheren Artikel Landwirtschaftsministerin Aigner als „Dirndl-tauglich“ bezeichnet hat. In einem Fall sabbert ein alter Mann eine junge Frau an, glotzt auf ihre Brüste und kommentiert deren Größe. Im anderen Fall wird in einem Artikel über die Persönlichkeit einer Politikerin auch eine kurze und dezente Anspielung auf ihr Äußeres gemacht (die obendrein mit ihrer bayrischen Verwurzelung zu tun hat). Aber in beiden Fällen wird ein Dirndl erwähnt. Also ist das ja irgendwie das Gleiche, oder?

  4. Mimikry
    Sie ernennen sich selbst zum Anwalt der von Ihnen Geschmähten. Das geht etwa so: „Wenn Ihr mich einen Rassisten nennt, weil ich Schwarze als „Neger“ bezeichne, dann verharmlost ihr damit den Ku-Klux-Klan. Das sind echte Rassisten, ich doch nicht! Ich habe nichts gegen Schwarze, sie sollen sich nur nicht mausig machen.“
    Auch dieses Muster konnte man gerade wieder bei Augstein und seinen Verteidigern lesen. Denn merke: Antisemitismus fängt erst beim organisierten Massenmord an.

  5. Zeugin der Anklage
    Eine Ihrer schärfsten Waffen: Sie suchen sich einen Kronzeugen. Mit ein bisschen Mühe werden Sie immer einen Juden finden, der Israel einen „Apartheid-Staat“ nennt.  Eine Frau zu finden, für die Sexismus kein Problem ist (oder die das jedenfalls behauptet), ist ganz einfach. Und eine, die damit kein Problem hat, widerlegt natürlich alle anderen. Ist doch logisch.

Der Tischler als Altlast

Man muss die Sprache nicht versauen um die Frauen einzubauen.

Sehr viele Bezeichnungen für Menschengruppen sind in unserer Sprache geschlechtsspezifisch (in anderen Sprachen auch, aber das ist deren Problem) . Der Schreiner ist ein Mann, die Krankenschwester ist eine Frau. Wobei letzeres schon eine Ausnahme ist, denn die meisten Berufsbezeichnungen sind „eigentlich“ männlich und  werden erst mit dem Anhängsel „in“ zu einer weiblichen Form. Das ist kein Zufall sondern historisch bedingt. Eine sprachliche Altlast.

Wie sollen wir mit dieser Altlast umgehen? Was machen wir, wenn wir nicht nur über männliche Tischler schreiben wollen, sondern über alle, die diesen schönen Beruf ausüben? Es gibt da im Groben folgende Optionen:

  1. Das Problem ignorieren. Einfach immer nur die männlichen Formen verwenden.
    Alle Argumente für diese Vorgehensweise (wenn überhaupt argumentiert wird), lassen sich im Satz zusammenfassen: „Das haben wir schon immer so gemacht.“  Ergänzend wird gerne noch vorgebracht, mit den weiblichen Formen werde die Sprache umständlich, hässlich, verhunzt*. Außerdem sei es ohnehin ganz böse, bewusst die Sprachgewohnheiten ändern zu wollen. Gerne stellen sich die Anhänger/innen (hihi) der Ignoranz-Strategie auch als von  „Political Correctness“ verfolgte Minderheit dar.**
  2. ist eigentlich 1b. Die Sensibleren aus der Ignoranz-Fraktion schreiben über ihren Text oder ins Vorwort oder über das Blog etwas wie „ich schreibe immer nur die männlichen Formen, meine die Frauen aber selbstverständlich mit“.
    Netter Versuch, denkfaul zu bleiben und dennoch einen guten Eindruck zu machen!  Lasst es euch aber gesagt sein: selbst wenn ihr wirklich immer die Frauen mitdenkt; diejenigen, die eure Texte lesen, tun es nicht. Wenn wir „Tischler“ lesen, dann steht vor unserem geistigen Auge ein Mann mit einem Hobel. Mit einem guten Vor-Satz ist das nicht erledigt.
  3. Die bürokratische Variante. Wir ersetzen im gesamten Text „Tischler“ konsequent durch „Tischlerinnen und Tischler“ (oder durch „Tischler/innen“ oder durch „TischlerInnen“). Auf diese Weise liefert man den Ignorant/inn/en die Argumente. Denn solche Texte werden sperrig bis zur Unlesbarkeit. Wer’s nicht glaubt, kann ja mal die Prüfungsordnung der TU Berlin zu lesen versuchen, wo tatsächlich (wahrscheinlich mit Suchen/Ersetzen) durchweg „Studenten“ durch „Studentinnen oder Studenten“ und „Dozenten“ durch „Dozentinnen oder Dozenten“ ersetzt wurde usw.. Das ist grausam. (Allerdings sehe ich durchaus das Problem bei Texten, die im juristischen Sinne eindeutig sein müssen. Elegante und flexible Lösungen sind da manchmal schwierig.)
  4. Wir geben uns Mühe und strengen unseren Grips und unsere sprachliche Fantasie an. Manchmal kann man z.B. männliche und weibliche Formen so durcheinander würfeln, dass wirklich klar wird, dass immer beide gemeint sind. Wo es grundsätzlicher wird, namentlich am Beginn eines Textes, nennt man auch mal ausdrücklich beide. Und dann gibt es noch Worte und Formulierungen die tatsächlich geschlechtsneutral sind. Sagen wir halt „Zimmerleute“ statt „Zimmermänner und Zimmerfrauen“ … Und es spricht auch nicht das Geringste dagegen, solche Worte neu einzuführen. Zugegeben,  „Studierende“ klingt anfangs etwas merkwürdig, aber man gewöhnt sich schnell daran. Und dann ist das Wort genauso gut zu handhaben wie „Studenten“.

Ich versuche es mit Option 4. Mal sehen, wie gut das auf die Dauer gelingt. Wenn man die Sprache neuen gesellschaftlichen Realitäten anpassen oder gar die Realitäten mit der Sprache etwas voranbringen will, ist das aber wohl ein wenig Mühe wert.

Eine Frage hätte ich noch: Wie ist  das eigentlich mit dem „man“? Ich habe das Gefühl, dass mit dieser Konstruktion trotz der lautlichen Identität nicht vorwiegend „Mann“ assoziert wird, sondern Leute, alle, Herr Hinz und Frau Kunz. Sehe ich das richtig? (Ich verspreche: Wenn ich mich eines Anderen belehren lassen muss, werde ich dennoch niemals „man/frau“ schreiben sondern andere Konstruktionen suchen).

Viel mehr und viel Klügeres zu dem Thema kann man im Sprachlog  lesen, z.B. hier, Und diese Broschüre der IG Metall bringt die Sache nach meiner Einschätzung angenehm unaufgeregt und sehr verständlich auf den Punkt. Was da steht, ist eigentlich alles richtig. Erstaunlich, wo man manchmal fündig wird!

* Dieses Argument ist nicht ganz abwegig (siehe 3.). Das macht es ja überhaupt erst notwendig sich ein paar Gedanken zum Thema zu machen.
** Ein uralter Trick. Privilegierte, Mächtige und alle, die der herrschenden Mainstream-Meinung anhängen, wehren sich gerne auf diese Weise, wenn jemand es wagt, sie zu kritisieren oder ihre Privilegien in Frage zu stellen: sie drehen die tatsächlichen Verhältnisse um und fantasieren sich in die Rolle einer verfolgten Minderheit. (Kürzlich konnte man das beispielhaft bei dem Aufschrei beobachten, der durch die Qualitätspresse ging, als das Simon-Wiesenthal-Zentrum einem obsessiven „Israel-Kritiker“ Antisemitismus vorwarf.)