Man muss kein Held sein

Eine Nazipartei[1] ist bei der Bundestagswahl mit knapp 13 % drittstärkste Kraft geworden[2]. Sie fühlen sich stark, und zu Recht. Die anderen Parteien, allen voran natürlich die CSU,  biedern sich an und werden das künftig noch stärker tun. Nazibegriffe, Nazidenken wird salonfähig. Die Zahl der Übergriffe nimmt zu, Übergriffe gegen alles, was den Faschisten undeutsch vorkommt oder sonstwie nicht passt. Schauen wir uns um in der Welt, schauen wir nach Polen, nach Ungarn, in die Türkei … das ist die Richtung, in die es geht.

Was können wir[3] dagegen tun? Widerstand leisten. Es darf nicht normal werden, dass Nazis frei herumlaufen und ihren Dreck verbreiten. Und wo es schon normal ist, muss es wieder unnormal werden. Soweit es irgendwie geht, muss jede und jeder kapieren, dass Nazi-Ideologie etwas Widerwärtiges ist. Aus den Köpfen wird man den Dreck nicht rauskriegen. Aber es muss klar werden, dass es peinlich, dumm und eklig ist, so etwas zu äußern. Es geht – kurz gesagt – darum, die Nazis in die dunklen Löcher zurückzutreiben, aus denen sie gekrochen sind. Sie sollen wieder das Maul halten.

Aber was heißt das, Widerstand leisten? Natürlich gegen sie demonstrieren. Ihre Aufmärsche blockieren. Ihre Versammlungen stören, ihnen wo immer es geht den Spaß verderben. Ich habe allen Respekt vor Antifa-Aktivistinnen und bin ihnen zutiefst dankbar. Aber wenn man sich nicht auf Demos traut, schon gar nicht auf militante? Weil man zu alt, zu unbeweglich, zu allein oder zu ängstlich ist?

Ich sage: Man muss kein Held sein. Es ist auch gut, wenn man nur ein bisschen Mut aufbringt. Z.B. in der Familie, im beruflichen Umfeld widerspricht. Vielleicht kann man argumentieren. Vielleicht muss man einfach pöbeln. Oder rumbrüllen. Alles ist besser, als verkniffen zu schweigen. Ein kleiner Ruck, ein kleiner Schritt reicht dafür. Das Risiko ist überschaubar[4]. Vielleicht hängt der Familiensegen schief, vielleicht verliert man eine Kundin. Aber es lohnt sich und am Ende fühlt man sich wohler dabei. Ja, selbst die AfD-Sympathisanten bei Facebook zu entfreunden ist besser als nichts – vor allem wenn man ihnen und den anderen auch deutlich macht, warum man es tut.

Was ich sagen will: Es gibt nicht die Alternative, entweder heldenhaft Widerstand zu leisten oder untätig in der Ecke zu sitzen. Fast jede und fast jeder kann etwas dazu beitragen, die Nazis zurückzudrängen. Man muss dazu kein Held sein. Noch nicht.

[1] Und nein, ich werde nicht darüber diskutieren, ob die AfD nun vielleicht doch nur eine Halb- oder Dreiviertelnazipartei ist. Dazu gibt es gut informierte, offen zugängliche Quellen, z.B. diese hier.
[2] Dass sie sich offenbar schon aufspalten, bevor der neue Bundestag zum ersten Mal zusammengetreten ist, ändert daran nichts.
[3] alle, die das nicht wollen.
[4] Mir ist durchaus bewusst, dass ich aus einer privilegierten Perspektive schreibe. Es gibt viele, für die geht es schon um die Existenz. Ich werde mir nicht anmaßen, denen Ratschläge zu erteilen. Aber um so wichtiger ist es, dass diejenigen, die mehr Spielraum haben, diesen auch nutzen.

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Das Privileg der Nichtbetroffenheit

Ich wage mich auf dünnes Eis, ich weiß.

Wenn Eltern, deren Kind ermordet wurde, in ihrer Trauer und Verzweiflung nach Rache schreien und den Tod des Täters fordern: Wer wollte ihnen das übel nehmen? Menschen, die derartiges Leid erfahren haben, zu Mäßigung und Vernunft ermahnen? Das wäre blanker Hohn.

Die anderen aber können und müssen ruhig bleiben. Und abwägen. Und feststellen, dass mit der Todesstrafe nichts besser, aber vieles schlimmer würde.

Es ist ein Privileg, nicht direkt betroffen zu sein. Wer so privilegiert ist, kann mit Empathie den Betroffenen zuzuhören und vielleicht sogar – wo es geht – ein wenig helfen. Er muss sich aber nicht in imaginierte Betroffenheit hineinsteigern und die Betroffenen mit extremen Forderungen überbieten.

Ich kann versuchen mir vorzustellen, wie es sein muss, von täglichem Rassismus betroffen zu sein.  Es ist eine gute und vernünftige Forderung an die Nichtbetroffenen, dass sie das versuchen sollen.* Ich denke, es muss aufreibend sein und eine andauernde Zumutung. Allein wieviel Lebenskraft dadurch verbraucht wird, wenn Menschen sich andauernd gegen rassistische Zumutungen zur Wehr setzen müssen!

Ich kann und sollte auch darüber nachdenken, was an meinem Verhalten nicht in Ordnung ist. Zuhören und Nachdenken hat noch niemandem geschadet. Etwas Neues zu lernen und daraus Konsequenzen zu ziehen, ist etwas Wunderbares.  Nur dumme Menschen klammern sich stur an einmal gelernte Verhaltens- und Redeweisen. Es ist gut, wenn sich Nichtbetroffene mit Opfern des Rassismus solidarisieren.

Nicht gut ist, in einen Wettbewerb der Selbstbezichtigung einzutreten und Menschen, die zögern, abweichender Meinung sind, nicht so weit gehen wollen, noch nachdenken und nach Antworten suchen: alle diese Menschen auszugrenzen und kompromisslos zu Rassisten abzustempeln. Ich kenne so etwas von den K-Gruppen der 1970er Jahre (einige der Älteren werden sich erinnern): Die Kämpfe darum, wer am linientreuesten ist, die unbedingt zu befolgenden Sprachregelungen. Die aggressivsten Eiferer bei den K-Gruppen waren natürlich nicht die (wenigen) Arbeiter/innen sondern fast immer die Kinder aus Mittel- und Oberschicht.

Wenn eine politische Bewegung in ein solches Stadium des Sektierertums tritt, ist sie im Niedergang begriffen. Sie beschäftigt sich nur mehr mit sich selbst und verliert alle Strahlkraft nach außen. Sind Teile der engagierten Antirassisten in dieses Stadium eingetreten? Ich bin mir nicht sicher, ich stecke da nicht so drin. Aber einige Anzeichen dafür sehe ich. Es wäre schade.

*Mir haben u.a. dieser und auch dieser Text dabei geholfen.

Tipps für die Mehrheit

Nehmen wir mal an, Sie sind ein bisschen denkfaul und folgen im Großen und Ganzen den Mainstream-Anschauungen, die an Stammtischen und in Redaktionen vorherrschend sind. Wie wehren Sie sich gegen Kritik, ohne Gefahr zu laufen, etwas dazulernen zu müssen? Hier ein Leitfaden:

  1. Man wird ja wohl noch sagen dürfen …
    Je lauter und larmoyanter Sie sich zum unschuldigen Opfer der „jüdischen Lobby“, einer Sprachpolizei, der „Political Correctness“ etc. ernennen desto besser. Diese, auch „Täter-Opfer-Umkehr“ genannte Disziplin haben die Deutschen zur Perfektion entwickelt.
    Eine besondere Glanzleistung zeigte jüngst die Stadt Saalfeld, als sie am Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz einen Kranz an der Gedenktafel für die Opfer der alliierten Bombenangriffe niederlegte.

  2. Mach doch einfach die Bluse zu!
    Erklären Sie den Opfern von Gewalt und Diskriminierung, dass sie a) selber schuld sind und/oder b) sich nicht so anstellen sollen. Der Klassiker: Frauen, die einen kurzen Rock tragen, sind selbst daran schuld, wenn sie vergewaltigt werden. In der gemäßigten Variante heißt das: „Wehr dich doch einfach!“
    Man muss auch dunkelhäutigen Menschen unbedingt erklären, dass sie gefälligst nicht verletzt zu sein haben, wenn man sie „Neger“ nennt. Denn das wird man ja wohl noch … (s.o.)

  3. Absichtliches Missverstehen
    Wenn es Ihnen zu schwierig wird, sich zu verteidigen, verteidigen Sie sich einfach gegen etwas, das keiner behauptet hat! Erst vor kurzem haben „Spiegel“, „ Zeit“ und Co. mal wieder vorgemacht, wie das geht: Mit äußerster Penetranz wurde wiederholt, das Simon-Wiesenthal-Center habe Jakob Augstein zu einem der 10 schlimmsten Antisemiten der Welt gestempelt. Da Augstein nicht ausdrücklich erklärt hat, Israel oder die Juden vernichten zu wollen (und im Gegensatz z.B. zum Iran auch in absehbarer Zeit nicht über die Mittel dazu verfügen wird), wäre das natürlich übertrieben gewesen. Es war deshalb viel leichter, dagegen zu polemisieren als gegen das, was das SWC wirklich getan hat: Augsteins Äußerungen auf eine Top-Ten-Liste antisemitischer Tiraden zu setzen.
    Ein anderes schönes Beispiel für absichtliches Missverstehen hat die BILD-Zeitung gerade abgeliefert: Der Stern-Redakteurin, die vom FDP-Brüderle blöde angebaggert worden war, wird implizit Unglaubwürdigkeit vorgeworfen, weil sie in einem früheren Artikel Landwirtschaftsministerin Aigner als „Dirndl-tauglich“ bezeichnet hat. In einem Fall sabbert ein alter Mann eine junge Frau an, glotzt auf ihre Brüste und kommentiert deren Größe. Im anderen Fall wird in einem Artikel über die Persönlichkeit einer Politikerin auch eine kurze und dezente Anspielung auf ihr Äußeres gemacht (die obendrein mit ihrer bayrischen Verwurzelung zu tun hat). Aber in beiden Fällen wird ein Dirndl erwähnt. Also ist das ja irgendwie das Gleiche, oder?

  4. Mimikry
    Sie ernennen sich selbst zum Anwalt der von Ihnen Geschmähten. Das geht etwa so: „Wenn Ihr mich einen Rassisten nennt, weil ich Schwarze als „Neger“ bezeichne, dann verharmlost ihr damit den Ku-Klux-Klan. Das sind echte Rassisten, ich doch nicht! Ich habe nichts gegen Schwarze, sie sollen sich nur nicht mausig machen.“
    Auch dieses Muster konnte man gerade wieder bei Augstein und seinen Verteidigern lesen. Denn merke: Antisemitismus fängt erst beim organisierten Massenmord an.

  5. Zeugin der Anklage
    Eine Ihrer schärfsten Waffen: Sie suchen sich einen Kronzeugen. Mit ein bisschen Mühe werden Sie immer einen Juden finden, der Israel einen „Apartheid-Staat“ nennt.  Eine Frau zu finden, für die Sexismus kein Problem ist (oder die das jedenfalls behauptet), ist ganz einfach. Und eine, die damit kein Problem hat, widerlegt natürlich alle anderen. Ist doch logisch.

Null Toleranz

Das wollte ich schon lange mal loswerden: „Toleranz“ ist ein bescheuerter Begriff. Oder wird jedenfalls auf bescheuerte Weise verwendet. Ich kann   tolerant sein gegenüber meinen Nachbarn, die nachts um drei laut Musik hören und sagen: „Na ja, die jungen Leute halt …“ (Könnte ich, bin ich aber nicht. Bildet euch keine Schwachheiten ein, Nachbarn.) Ich kann auch tolerant sein gegenüber denjenigen, die mit ihren Autos den Radweg zuparken, und  lasse den Kratzeschlüssel stecken (tue ich inzwischen – altersmilde). Kurzum: „tolerant“ bin ich, wenn ich etwas dulde, was eigentlich nicht in Ordnung ist oder was mich nervt.

Man kann den Begriff Toleranz nicht gleichzeitig für „Duldsamkeit gegenüber Regelübertretungen“ und  „Abwesenheit von Ressentiments“  benutzen. Bei Migrant/inn/en, Dunkelhäutigen, Behinderten, Schwulen, Lesben etc. gibt es nichts zu tolerieren. Wer etwas gegen diese Menschengruppen hat, ist rassistisch, homophob, behindertenfeindlich usw.  Kurzum: ein Arsch.

Wenn man „Toleranz“ gegenüber diskriminierten Gruppen fordert, schwingt darin unterschwellig das Ressentiment mit, so als ob es irgendwie doch nicht ganz in Ordnung wäre, schwarz, schwul oder behindert zu sein.. „Mein Nachbar ist dunkelhäutig, aber das lasse ich ihm durchgehen, ich bin ja tolerant.“  Geht’s noch?

Deshalb habe ich immer ein merkwürdiges Gefühl, wenn irgendwo wortreich „Toleranz“ beschworen wird, z.B. im Fußball. Dabei geht es da und überall eigentlich nur um eins:

Keine Fußbreit den Rassisten! Null Toleranz!

Thierse und die Gewöhnung

Wenn man alt wird, so heißt es, lässt das Kurzzeitgedächtnis nach. Dafür kann man sich gut an weit zurückliegende Dinge erinnern. Als Wolfgang Thierse jüngst dummes Zeug über Schrippen und Schwaben erzählte, erinnerte ich mich, dass er zu den Pogromen von Rostock-Lichtenhagen 1992 (als ein entfesselter brauner Mob vietnamesische Vertragsarbeiter und ihre Familien zu ermorden versuchte) etwas noch viel Dämlicheres gesagt hatte. Ich wollte sicher gehen, dass mich mein Gedächtnis nicht trügt, und habe recherchiert*. Er hat es tatsächlich gesagt:

„Wir Ostdeutschen sind den Umgang mit Ausländern noch nicht gewohnt.“

Gregor Gysi kommentierte das damals  treffend etwa so (aus der Erinnerung zitiert): „Es sollte sich schon rumgesprochen haben, dass man seine Mitmenschen nicht umbringt.“

Man könnte ätzend bemerken: Eigentlich sollte Thierse in Prenzlauer Berg genügend Zeit gehabt haben, sich an den Umgang mit seinen schwäbischen Nachbarn zu gewöhnen.

Andererseits: In den 20 Jahren zwischen den beiden – hm – unglücklichen Aussagen hat sich Thierse nicht als Rassist oder Nazi-Versteher hervorgetan. Im Gegenteil. Er hat ziemlich klar Stellung bezogen und sich sogar offensiv den Nazis in den Weg gestellt – bzw. gesetzt. Ein Politiker, der nur alle 20 Jahre mit seinen Äußerungen etwas ins Klo greift, ist eigentlich gar nicht so übel. Im Vergleich.

* Götz Aly: Schulterschluß. Über den deutschen Einklang von Pogrom und Revolution. In: Die Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte (Hrsg. Friedrich-Ebert-Stifung), 1/1993 (40. Jahrgang.) S. 17
Hier gibt’s das PDF.