Nerv-Journalismus

„Seit mehr als 40 Jahren lese ich regelmäßig Zeitung.“ Nachdenklich streicht sich Hans O. über das schüttere graue Haar. Durch das Altbaufenster scheint die Kreuzberger Sonne auf den altertümlichen Schreibtisch vor ihm. Die Tischplatte ist fast vollständig bedeckt mit verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. „Aber irgendwer muss den Journalisten mal erklären: Man kann Artikel auch anders anfangen, als mit menschelndem O-Ton.“

Offensichtlich lernt man es auf den Journalistenschulen, dass Hintergrundartikel immer so beginnen müssen. Im Titel steht – sagen wir – „Wer wählt die AfD?“ und der Artikel fängt an mit einem Leipziger Kioskbesitzer, der irgendwelches unausgegorene Zeug von sich gibt. Und dann erst kommt man langsam zum eigentlichen Thema.

Mich macht das rasend. Ich lese die Überschrift, denke „Ah interessant, wer wohl?“ und muss mich erst durch drei Absätze vollkommen irrelevantes Gelaber lesen, bevor die erste echte Information auftaucht.

Liebe Journalist/inn/en, man kann auch so anfangen: „Nach einer am 10.3. veröffentlichten Umfrage des Instituts Schmalensbach, würden 34 % aller Wahlberechtigten mit Hauptschulabschluss AfD wählen, hingegen nur 3 % der Wahlberechtigten mit abgeschlossenem Hochschulstudium. Der Politologe Prof. Schlaumeier von der Universität Bielefeld meint dazu: … etc. etc.“ *

Schnell auf den Punkt kommen. Relevante Infos am Anfang. Dann vertiefen. Was spricht dagegen, so zu schreiben? Dieses Gemenschel am Anfang kann ja mal ganz nett sein, bei touristisch orientierten Reisebeschreibungen z.B.. Aber doch bitte nicht in jedem verdammten Artikel, auch wenn es um politische, technische, wirtschaftliche Sachverhalte geht!

„Und am Ende des Artikels wird das wieder aufgenommen.“ Hans O. lächelt schmerzlich. „Aber gut – ich habe mir eben angewöhnt, nur noch den Mittelteil zu lesen.“

*Das ist alles frei erfunden! Bitte nicht als Quelle für irgendwas benutzen!

Die Mauer in ihren Köpfen

Wir werden in Berlin gerade Zeugen einer Massenhysterie. Wohin man auch schaut und was man auch hört, Presse, öffentlich-rechtlicher und privater Rundfunk, linke und konservative Foren: alle schreien Zetermordio, weil angeblich ein historisch und künstlerisch bedeutendes Baudenkmal abgerissen werden soll.

Über die künstlerische und historische Bedeutung der Eastside-Gallery kann man vielleicht geteilter Meinung sein. Aber darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, denn Fakt ist: Sie wird nicht abgerissen. Im äußersten Fall könnte zu den vier Durchbrüchen, die das Mauerstück schon hat, ein fünfter hinzukommen. Der neue Durchbruch soll maximal etwa 20 m breit werden*. Das sind 2 % der Gesamtlänge von ca. 975 m. Und die herausgenommenen Mauerstücke können obendrein ein paar Meter versetzt wieder aufgestellt werden, so dass kein einziges Kunstwerk wirklich verloren ginge. Zum Vergleich: Zuvor wurden bereits Durchbrüche mit einer Länge von mehr als 60 m geschaffen (= 6 % der Gesamtlänge) und kein Hahn hat danach gekräht.

Das sind schlichte Tatsachen,  die  mithilfe eines Messrads oder mit Google Earth leicht überprüft werden können. In einem früheren Beitrag habe ich schon einmal darauf hingewiesen und sogar eine Zeichnung  gemacht. Seitdem kocht die Volkseele aber mehr und mehr über – in krassem Missverhältnis zum tatsächlichen Anlass der Empörung.  Was ist da los?

Vielleicht hilft es, sich die Protagonist/inn/en des Protests und ihre Motivationen mal näher anzuschauen.

  1. Die direkt betroffenen Künstlerinnen und die Clubbetreiber. Was diese beiden Gruppen umtreibt, ist leicht zu verstehen: Die Künstler finden es gut, wenn ihre Namen gedruckt und ihre Bilder in der Zeitung abgebildet werden und die Clubbetreiberinnen möchten die für sie profitable Zwischennutzung der Ufergrundstücke so lange wie möglich behalten und sind deshalb gegen jede Änderung des status quo. Daran ist nichts Unmoralisches, aber das war sicher nicht die Motivation für die vielen tausend Demonstrierenden der letzten Tage und Wochen .
  2. Die Jungs und Mädels der Initiative „Mediaspree versenken“, die im Sommer 2008 einen spektakulären Erfolg bei einem Volksentscheid  erzielten und die in Friedrichshain-Kreuzberg breite Unterstützung genießen. Die Mauer ist den Mediaspree-Versenkern im Grunde völlig wurscht. Dennoch machen sie sich zur Speerspitze der Bewegung und verbinden den vermeintlichen Angriff auf die Eastside-Gallery geschickt mit ihrem eigentlichen Anliegen: nämlich dem Verhindern von Baumaßnahmen am Spreeufer.
  3. Szeneferne Berliner/innen aus Lichtenrade, Hermsdorf, Britz … – jene, die wir früher despektierlich „Schultheiss-Berliner“ nannten. Aufgerüttelt von B.Z. und Berliner Abendschau finden sie es nicht in Ordnung, dass man ein Mahnmal, das ihnen so am Herzen liegt, abreißen will – obwohl sie vor 4 Wochen wahrscheinlich noch nichts von dessen Existenz wussten. Ein Großteil der 82.000 Unterschriften gegen den „Abriss“ dürfte aus diesem Reservoir stammen und auch das Ergebnis merkwürdiger Umfragen erklärt sich so.**

Ich wage die These: Gruppe 2 und Gruppe 3 unterscheiden sich nicht so sehr voneinander, wie sie es vielleicht selbst glauben. Je näher man hinschaut, desto mehr verschwimmen die Unterschiede. Beide treibt eine diffuse Angst vor der Zukunft, beide nehmen Veränderungen jeder Art als Bedrohung war. Sie sind die eingebildeten oder tatsächlichen Verlierer/innen von Modernisierung, Globalisierung und Gentrifizierung. Das Neue und Fremde ängstigt sie. In Pankow protestieren sie  gegen eine Moschee, in Kreuzberg wird gegen McDonalds und gegen Touristen mobil gemacht. (Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Eastside-Gallery vornehmlich eine Touristenattraktion ist.) Die Dumpfbacken aller Berliner Bezirke vereinigen sich. Hier wächst zusammen, was zusammengehört.

Mir graust.


Möglicherweise reicht dem Bauherrn aber auch die Erweiterung eines an anderer Stelle bestehenden Durchbruchs um wenige Meter

** Rechnen wir mal nach: Auch wenn wir nur die rund 2,5 Millionen Wahlberechtigten als Grundlage nehmen, müssten nach der Umfrage in den letzten 12 Monaten 1.425.000 Berliner/innen die Eastside-Gallery besucht haben, also 3.904 am Tag – zusätzlich zu den Touristinnen und Touristen. Da waren wohl einige nicht ganz ehrlich …

Tipps für die Mehrheit

Nehmen wir mal an, Sie sind ein bisschen denkfaul und folgen im Großen und Ganzen den Mainstream-Anschauungen, die an Stammtischen und in Redaktionen vorherrschend sind. Wie wehren Sie sich gegen Kritik, ohne Gefahr zu laufen, etwas dazulernen zu müssen? Hier ein Leitfaden:

  1. Man wird ja wohl noch sagen dürfen …
    Je lauter und larmoyanter Sie sich zum unschuldigen Opfer der „jüdischen Lobby“, einer Sprachpolizei, der „Political Correctness“ etc. ernennen desto besser. Diese, auch „Täter-Opfer-Umkehr“ genannte Disziplin haben die Deutschen zur Perfektion entwickelt.
    Eine besondere Glanzleistung zeigte jüngst die Stadt Saalfeld, als sie am Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz einen Kranz an der Gedenktafel für die Opfer der alliierten Bombenangriffe niederlegte.

  2. Mach doch einfach die Bluse zu!
    Erklären Sie den Opfern von Gewalt und Diskriminierung, dass sie a) selber schuld sind und/oder b) sich nicht so anstellen sollen. Der Klassiker: Frauen, die einen kurzen Rock tragen, sind selbst daran schuld, wenn sie vergewaltigt werden. In der gemäßigten Variante heißt das: „Wehr dich doch einfach!“
    Man muss auch dunkelhäutigen Menschen unbedingt erklären, dass sie gefälligst nicht verletzt zu sein haben, wenn man sie „Neger“ nennt. Denn das wird man ja wohl noch … (s.o.)

  3. Absichtliches Missverstehen
    Wenn es Ihnen zu schwierig wird, sich zu verteidigen, verteidigen Sie sich einfach gegen etwas, das keiner behauptet hat! Erst vor kurzem haben „Spiegel“, „ Zeit“ und Co. mal wieder vorgemacht, wie das geht: Mit äußerster Penetranz wurde wiederholt, das Simon-Wiesenthal-Center habe Jakob Augstein zu einem der 10 schlimmsten Antisemiten der Welt gestempelt. Da Augstein nicht ausdrücklich erklärt hat, Israel oder die Juden vernichten zu wollen (und im Gegensatz z.B. zum Iran auch in absehbarer Zeit nicht über die Mittel dazu verfügen wird), wäre das natürlich übertrieben gewesen. Es war deshalb viel leichter, dagegen zu polemisieren als gegen das, was das SWC wirklich getan hat: Augsteins Äußerungen auf eine Top-Ten-Liste antisemitischer Tiraden zu setzen.
    Ein anderes schönes Beispiel für absichtliches Missverstehen hat die BILD-Zeitung gerade abgeliefert: Der Stern-Redakteurin, die vom FDP-Brüderle blöde angebaggert worden war, wird implizit Unglaubwürdigkeit vorgeworfen, weil sie in einem früheren Artikel Landwirtschaftsministerin Aigner als „Dirndl-tauglich“ bezeichnet hat. In einem Fall sabbert ein alter Mann eine junge Frau an, glotzt auf ihre Brüste und kommentiert deren Größe. Im anderen Fall wird in einem Artikel über die Persönlichkeit einer Politikerin auch eine kurze und dezente Anspielung auf ihr Äußeres gemacht (die obendrein mit ihrer bayrischen Verwurzelung zu tun hat). Aber in beiden Fällen wird ein Dirndl erwähnt. Also ist das ja irgendwie das Gleiche, oder?

  4. Mimikry
    Sie ernennen sich selbst zum Anwalt der von Ihnen Geschmähten. Das geht etwa so: „Wenn Ihr mich einen Rassisten nennt, weil ich Schwarze als „Neger“ bezeichne, dann verharmlost ihr damit den Ku-Klux-Klan. Das sind echte Rassisten, ich doch nicht! Ich habe nichts gegen Schwarze, sie sollen sich nur nicht mausig machen.“
    Auch dieses Muster konnte man gerade wieder bei Augstein und seinen Verteidigern lesen. Denn merke: Antisemitismus fängt erst beim organisierten Massenmord an.

  5. Zeugin der Anklage
    Eine Ihrer schärfsten Waffen: Sie suchen sich einen Kronzeugen. Mit ein bisschen Mühe werden Sie immer einen Juden finden, der Israel einen „Apartheid-Staat“ nennt.  Eine Frau zu finden, für die Sexismus kein Problem ist (oder die das jedenfalls behauptet), ist ganz einfach. Und eine, die damit kein Problem hat, widerlegt natürlich alle anderen. Ist doch logisch.