Thierse und die Gewöhnung

Wenn man alt wird, so heißt es, lässt das Kurzzeitgedächtnis nach. Dafür kann man sich gut an weit zurückliegende Dinge erinnern. Als Wolfgang Thierse jüngst dummes Zeug über Schrippen und Schwaben erzählte, erinnerte ich mich, dass er zu den Pogromen von Rostock-Lichtenhagen 1992 (als ein entfesselter brauner Mob vietnamesische Vertragsarbeiter und ihre Familien zu ermorden versuchte) etwas noch viel Dämlicheres gesagt hatte. Ich wollte sicher gehen, dass mich mein Gedächtnis nicht trügt, und habe recherchiert*. Er hat es tatsächlich gesagt:

„Wir Ostdeutschen sind den Umgang mit Ausländern noch nicht gewohnt.“

Gregor Gysi kommentierte das damals  treffend etwa so (aus der Erinnerung zitiert): „Es sollte sich schon rumgesprochen haben, dass man seine Mitmenschen nicht umbringt.“

Man könnte ätzend bemerken: Eigentlich sollte Thierse in Prenzlauer Berg genügend Zeit gehabt haben, sich an den Umgang mit seinen schwäbischen Nachbarn zu gewöhnen.

Andererseits: In den 20 Jahren zwischen den beiden – hm – unglücklichen Aussagen hat sich Thierse nicht als Rassist oder Nazi-Versteher hervorgetan. Im Gegenteil. Er hat ziemlich klar Stellung bezogen und sich sogar offensiv den Nazis in den Weg gestellt – bzw. gesetzt. Ein Politiker, der nur alle 20 Jahre mit seinen Äußerungen etwas ins Klo greift, ist eigentlich gar nicht so übel. Im Vergleich.

* Götz Aly: Schulterschluß. Über den deutschen Einklang von Pogrom und Revolution. In: Die Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte (Hrsg. Friedrich-Ebert-Stifung), 1/1993 (40. Jahrgang.) S. 17
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