Morgendliche Rede an den Baum Griehn

1
Griehn, ich muß Sie um Entschuldigung bitten.
Ich konnte heute nacht nicht einschlafen, weil der Sturm so laut war.
Als ich hinaus sah, bemerkte ich, daß Sie schwankten
Wie ein besoffener Affe. Ich äußerte das.

2
Heute glänzt die gelbe Sonne in Ihren nackten Ästen.
Sie schütteln immer noch einige Zähren ab, Griehn.
Aber Sie wissen jetzt, was Sie wert sind.
Sie haben den bittersten Kampf Ihres Lebens gekämpft.
Es interessierten sich Geier für Sie.
Und ich weiß jetzt: einzig durch Ihre unerbittliche
Nachgiebigkeit stehen Sie heute morgen noch gerade.

3
Angesichts Ihres Erfolges meine ich heute:
Es war wohl keine Kleinigkeit, so hoch heraufzukommen
Zwischen den Mietskasernen, so hoch herauf, Griehn, daß
Der Sturm so zu Ihnen kann wie heute nacht.

Nachdem ich im Rahmen meines mir selbst auferlegten Bildungsauftrags bisher Haikus,  Hölderlin und Rilke aufgefahren habe, jetzt mal ein wirklich schweres Geschütz: Bert Brecht. Der hat ein anderes Verhältnis zur Natur, was man schon am distanzierten „Sie“ erkennt, mit dem er den Hinterhofbaum anredet. Und, wie fast immer bei Brecht, dient die Naturbeschreibung nur dazu, uns was zu erklären. Nämlich vor allem das mit der „unerbittlichen Nachgiebigkeit„. Das ist schon ziemlich genial. Dabei geht es um Moral, um Guerillataktik und das Überleben in schweren Zeiten. Aber lassen wir den Meister selber erläutern (zur Abwechslung in Prosa):

 Maßnahmen gegen Gewalt
 Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach, merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte sich um und sah hinter sich stehen – die Gewalt. „Was sagtest du?“ fragte ihn die Gewalt. „Ich sprach mich für die Gewalt aus“, antwortete Herr Keuner. Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. Herr Keuner antwortete: „Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muß länger leben als die Gewalt.“

Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte:
In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im Namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem stand, daß ihm gehören solle jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte; ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe. Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: „Wirst du mir dienen?“
Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: „Nein.“

Man darf das nicht missverstehen als Beitrag zu der unseligen „Gewaltdiskussion „,  die in der Linken immer mal wieder aufflackert, sondern sollte „Gewalt“ in diesem Text lesen als Synonym für die herrschenden Verhältnisse bzw. die Machthaber. Mehr muss man dazu nicht erklären, glaube ich.

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Rilke

Lehnen im Abendgarten beide,
lauschen lange nach irgendwo.
„Du hast Hände wie weiße Seide…“
Und da staunt sie: „Du sagst das so…“

Etwas ist in den Garten getreten.
und das Gitter hat nicht geknarrt,
und die Rosen in allen Beeten
beben vor seiner Gegenwart.

Ist das nicht so schön, dass einem die Tränen kommen? Ein Gedicht über die Liebe, ohne Pathos, in ganz einfachen Worten, schwebend, andeutend. Und doch spätestens beim zweiten Lesen völlig klar.

Das  Kompliment in der dritten Zeile verliert seine Kitschigkeit durch den Kontext: Man kann sich gut vorstellen, wie helle Hände in einem dämmrigen „Abendgarten“ weiß leuchten. Und nicht nur weiß, sondern glatt wie Seide sind die Hände – so wird nebenbei erzählt, dass sich die Beiden an den Händen halten. Und dann ihre Antwort: Ein ganz simpler Satz. „Du sagst das so …“ ( …   als ob du mehr damit sagen wolltest.) In der Tat.

Und da tritt ein Etwas, nicht Gegenständliches in den Garten. Etwas Großes, Schönes, das die Welt leise erzittern lässt … Hach.

Ich habe ja ein Schwäche für Lyrik. Rilke allerdings hatte ich bisher weitgehend ignoriert*. Ich bin gallenbitter sehr dankbar dafür, das Gedicht getwittert und mich so darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass bei Rilke noch viel zu entdecken ist.

Das Gedicht stammt aus dem Lyrikband „Advent“  von Rainer Maria Rilke, erschienen in Leizig 1898.

*Warum, würde hier zu weit führen.

Twitter-Lyrik

Nachdem nun  auch  Sarah Wagenknecht in der FAZ anlässlich der Rezension einer Goethe-Biografie den twitterbedingten Niedergang der  deutschen Sprache beklagt, sehe ich es ein: Es wird höchste Zeit gegenzusteuern. Zeit, der geistig verkümmernden Twitter-Generation etwas Kultur aufs Auge zu drücken – in Form von klassischer deutscher Lyrik.  Wer wäre dazu berufener als ich? Welches Medium wäre dafür geeigneter als Twitter? Eben.

Haikus sind ideale Twitter-Lyrik. Haikus sind praktisch nie länger als 140 Zeichen.  Und es gibt auch ein paar Beispiele deutscher Haiku-Dichtung. Rilke hat schon 1920 damit experimentiert. Besser gefallen hat mir aber  ein späteres Beispiel von Günter Eich:

Vorsicht

Die Kastanien blühn.
Ich nehme es zur Kenntnis,
äußere mich aber nicht dazu

Von Günter Eich stammt auch ein Gedicht, das in einem  meiner Schulbücher abgedruckt war. Das geht so:

Verlassene Alm

Regenwasser
in den Trittspuren der Kühe.
Ratlose Fliegen
nah am November.

Der rote Nagel wird den Wind nicht überstehen.
Der Rahmen wird in den Angeln kreischen,
einmal an den Rahmen schlagen,
einmal an die Mauer.

Wer hört ihn?

Das ist natürlich kein Haiku und viel zu lang für einen Tweet. Andererseits ist die erste Strophe für sich genommen auch schon ein schönes Gedicht. Und mit  gerade mal 73 Zeichen absolut twittertauglich. Mit 139 Zeichen würde die zweite Strophe auch gerade noch in einen Tweet  passen. Und das lehrerhafte „Wer hört ihn?“ am Schluss lassen wir weg.

Und damit wären wir schon beim mutigen, kreativen Umgang mit der Lyrik. „Zerpflücke eine Rose – jedes Blatt ist schön.“ sagt Bertolt Brecht und hat vollkommen Recht. Er war in dieser Hinsicht ja auch nicht gerade zimperlich. Na dann:

Das kleine Haus unter Bäumen am See
Vom Dach steigt Rauch.

ist doch ein wunderbares Haiku. Auch die brechtisch-belehrende zweite Strophe ist zwar sehr schön (und passt sogar noch innerhalb eines einzigen Tweets dazu):

Fehlte er,
Wie trostlos dann wären,
Haus Bäume und See.

Wenn einem aber nicht nach Nachdenken ist sondern nur nach schönen Bildern, kann man sich auf die erste Strophe beschränken. Wir arbeiten uns jetzt vor zu den Klassikern. Von Friedrich Hölderlin stammen die Zeilen:

Die Mauern stehen
Sprachlos und kalt. Im Winde
Klirren die Fahnen.

Wow, das ist gewaltige Sprache! Wen fröstelt da nicht? Und dann ist es auch noch ein lupenreines Haiku nach der 5-7-5-Silbenregel*. Obwohl Hölderlin (wahrscheinlich) nie etwas von Haikus gehört hat.  Natürlich stammen auch diese drei  Zeilen wieder aus einem etwas  längeren Gedicht, und zwar aus dem großartigsten Stück Lyrik, das ich kenne. Aber die drei Zeilen funktionieren auch ohne den Zusammenhang, oder etwa nicht? Ich meine: Man kann das machen.

Wo wir schon so weit gekommen sind, knöpfen wir uns jetzt Goethe vor, um den es ja irgendwie die ganze Zeit geht. Da ist viel zu holen. Wer des Vaterlands mal wieder so richtig überdrüssig ist (was ja so selten nicht vorkommen soll), findet seine Stimmung vielleicht in folgenden Zeilen wieder (120 Zeichen):

Ehrlicher Mann
Fliehe dies Land.
Tote Sümpfe,
Dumpfe Oktobernebel
Verweben ihre Ausflüsse
Hier unzertrennlich
.

Auch das ist mitten aus einem langen Gedicht herausgetrennt. („An Behrisch“). Das darf man! Was lernen wir daraus? Twitter ist ein cooles Medium um Lyrik zu verbreiten, kreativ damit umzugehen und natürlich auch um selber zu dichten, wenn man mag.  Wir schließen mit einem lyrischen Aphorismus von Goethe, der nicht nur in einen Tweet sondern auch gut zum Aufhänger dieses Blogposts passt:

Steil wohl ist er, der Weg zur
Wahrheit, und schlüpfrig zu steigen,
Aber wir legen ihn doch nicht
gern auf Eseln zurück
.

*jedenfalls wenn man bei der ersten Zeile ein bisschen mogelt und aus Hölderlins „stehn“ ein „stehen“ macht. Ich war so frei.

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See.
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen und wo
Den Sonnenschein
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Friedrich Hölderlin

Ist das nicht großartig? Erst diese exaltierte, berauschte Naturschwärmerei, und dann – zack! – wie ein eiskalter Griff ans Herz das „Weh mir!“. Da steht der Dichter in der strahlenden Septembersonne am See und plötzlich überfällt ihn wie ein schwarzer Schatten der Gedanke an den langen kalten Winter, der bevorsteht. Für mich ist es das Gedicht des unglücklichen Menschen, der eine schöne Gegenwart kaum genießen kann, weil sein Gehirn unaufhörlich arbeitet und düstere Bilder produziert, die sich in den Vordergrund schieben. Bilder von Dingen die passieren werden oder auch nur passieren könnten. Ein deutsches Gedicht.