Beifahrerpflicht in Ballungsräumen

Nein, das ist keine Jux-Forderung à la „Rauchverbot in Einbahnstraßen“. Ich meine das ernst. Aber von Anfang an:

Die vielleicht grausigsten Verkehrsunfälle passieren mit Schrittgeschwindigkeit. Ein schwerer Lkw biegt rechts um die Ecke und erfasst einen rechts davon geradeaus radelnden Menschen. Das Opfer wird umgeworfen, ein  Stück mitgeschleift und vom Lkw überrollt. Fast immer endet das tödlich.

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In der öffentlichen Diskussion werden solche Unfälle meist mit dem Stichwort „Toter Winkel“ in Verbindung gebracht. Und in der Tat: die schlechte Sicht aus schweren Lkw ist eine Hauptursache dafür, dass es in städtischen Ballungsräumen immer wieder zu tödlichen Zusammenstößen zwischen Lkw auf der einen und Radfahrern oder Fußgängerinnen auf der anderen Seite kommt.

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Nun, um sichtbar zu machen, was dem direkten Einblick verborgen ist, gibt es Spiegel. Ein moderner Lkw hat allein an der rechten Seite deren vier: den großen Hauptspiegel, den darüber oder darunter angeordneten kleineren Weitwinkelspiegel, den Rampenspiegel oberhalb des rechten Seitenfensters, und – relativ neu – den Frontspiegel rechts oberhalb der Windschutzscheibe, der den Bereich unmittelbar vor dem Lkw abdeckt. Auf diese Weise wird der aktuellen EU-Richtlinie Rechnung getragen, in der bestimmte – ziemlich große – Sichtfelder vorgeschrieben sind. Der „Tote Winkel“ ist auf ein Minimum reduziert. Forderungen nach weiteren Zusatzspiegeln, wie dem eine Zeitlang populären „Dobli-Spiegel“ sind damit obsolet.

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Aber die besten Spiegel nützen nichts, wenn man nicht hineinschaut. Fast immer stellt sich bei der Rekonstruktion der Unfälle im Nachhinein heraus, dass die Lkw-Fahrerin den Radfahrer in einem der Spiegel  hätte sehen können – jedenfalls für kurze Zeit. Eine Sekunde in die falsche Richtung geguckt, und schon war die Katastrophe da. Warum gucken die nicht?

Weil es eine ziemlich schwierige Sache ist, einen 16 m langen 38-Tonner durch enge Stadtstraßen zu manövrieren. Der Fahrer muss beim Abbiegen sicher stellen, dass er links keinen eng vorbeifahrenden Pkw streift, vorne nicht auf den Mittelstreifen kommt, rechts den Auflieger nicht über die Bordsteinkante zieht etc. etc. Jeder einzelne Blick in einen der vielen Spiegel kostet ein bisschen Zeit und jeder Blick nach vorne oder durch die Seitenscheiben natürlich auch. Alles gleichzeitig im Blick haben zu wollen, ist eine unlösbare Aufgabe.

Dazu kommt: die neuen Spiegel decken einen großen Sichtbereich ab. Das ist gut und notwendig, kann aber nur dadurch erreicht werden, dass man die Spiegeloberflächen stark krümmt. Der Effekt ist der gleiche, wie bei einem Weitwinkelobjektiv mit sehr kurzer Brennweite: Man sieht viel, aber die Objekte werden klein und verzerrt dargestellt. Entsprechend schwieriger wird es, im Spiegel z.B. einen herannahenden Radfahrer als solchen zu identifizieren – man braucht noch mehr Zeit dafür. Testfrage: Wer hat in dem Bild oben die Radfahrerin am Rand des Weitwinkelspiegels wahrgenommen?

Auch der Einsatz von Kameras würde diesen Zielkonflikt nicht nennenswert entschärfen. Was dagegen hülfe, wären aktive Systeme, die warnen, wenn ein „ungeschützter Verkehrsteilnehmer“ (also ein Radfahrer oder eine Fußgängerin) in den Gefahrenbereich kommt. An solchen Assistenzsystemen (etwa in Kombination von Radar und Bilderfassung) wird gearbeitet. Es gibt auch schon erste Teilsysteme auf dem Markt, aber noch nichts, was das Problem in seiner ganzen Komplexität lösen würde. Denn die Erkennungsquote des Systems müsste bei 100% liegen und zugleich die Fehlalarmquote extrem gering sein. Wenn das System häufig grundlos warnt, wird das Signal nämlich bald ignoriert.

Ich schlage ein aktives System vor, das seine Fähigkeit zur Bewertung von Verkehrssituationen schon seit vielen Jahrzehnten millionenfach unter Beweis gestellt hat: einen Menschen. Ein entsprechend geschulter Beifahrer kann beim Rechtsabbiegen den Bereich rechts vor und rechts hinter dem Lkw im Auge behalten und die Fahrerin gegebenenfalls warnen. Und in vielen anderen problematischen Verkehrssituationen könnte er die Fahrerin natürlich auch entlasten. Klar, ich weiß schon, die Fuhrunternehmen springen bei so einer Idee im Viereck; denn Personal kostet Geld. Aber schauen wir mal genau hin:

Es wäre doch ein leichtes, einen Service zu organisieren, mit dem via Internet kurzfristig eine Art Stadtlotsin geordert werden kann, die am Stadtrand zusteigt, während der Fahrt durch die Stadt die Beifahreraufgaben übernimmt und obendrein mit spezifischen Ortskenntnissen besser helfen kann als das Navigationssystem. Am Ziel steigt der Stadtlotse wieder aus, die Vermittlung kostet (z.B.) 50 € pauschal und der Lotse kriegt 25 € pro Stunde incl. notwendiger An- und Abfahrtzeiten. Wenn der Lkw wieder losfährt, steigt wieder eine Lotsin ein und fährt mit bis zum Stadtrand. Das wäre alles streng marktwirtschaftlich, innovativ, dem Standort Deutschland förderlich und es würde Arbeitsplätze schaffen.

Natürlich würde es auch die Transportkosten erhöhen. Wenn ich das mal so grob schätze, aber wohl eher im Promille- als im Prozentbereich. Dann wird die Banane eben ein paar Cent teurer. Dafür können wir sicherer zum Bananenladen radeln.

Ja, ich weiß. Die Chancen für die Umsetzung eines solchen Vorschlags gehen gegen Null. Und auf mich hört ja sowieso niemand. Aber vielleicht hilft es ein bisschen, immer wieder auf das ungelöste Sicherheitsproblem aufmerksam zu machen. Einstweilen:

  • Lkw-Fahrerinnen und Lkw-Fahrer: Passt auf beim Rechtsabbiegen! Immer gucken! Und mitdenken: Wenn ihr vor der Kreuzung einen Radler überholt habt, wo ist der jetzt?
  • Radfahrerinnen und Radfahrer: Denkt dran, wie schlecht ihr vom Lkw aus zu sehen seid! Wenn ihr nicht sicher seid, dass man euch gesehen hat, wartet in Gottes Namen! Es nützt nichts, Recht gehabt zu haben, wenn man tot ist.