Terror und Straßenverkehr

Das Hitchhiker-Motto „Keine Panik“ ist mit Sicherheit ein guter Rat, ebenso wie die christliche Variante „Fürchtet Euch nicht“. Was aber nervt, sind die Versuche, mit seltsamen Vergleichen die Gefahr des islamistischen Terrors klein zu reden.

Eine gute Abhandlung dazu stand kürzlich in der FAZ*. Die Sache mit der Fischgräte ist immerhin originell. Häufiger noch liest man aber den Vergleich der Opferzahlen von Terroranschlägen mit der Zahl der Verkehrstoten. Und ja – viele tausend Menschen in Europa sterben jedes Jahr an den Folgen von Straßenverkehrsunfällen, viel viel mehr als Terroranschlägen zum Opfer fallen.

Bleiben wir der Einfachheit halber in Deutschland. Im Jahr 2015 sind dort 3.475 Menschen infolge von Verkehrsunfällen gestorben. Das sind natürlich 3.475 Menschen zu viel. Ist es nicht ein Skandal, dass Terrorabwehr in aller Munde ist, aber niemand unternimmt etwas gegen den Verkehrstod?

Niemand unternimmt etwas? Der Punkt ist: Das stimmt nicht. Schauen wir mal zurück. 1970 gab es in Deutschland (BRD+DDR) 21.332 Verkehrstote. Die 3.475 des vergangenen Jahres stehen mithin für einen Rückgang um 84 %. Und das, obwohl sich gleichzeitig das Verkehrsaufkommen vervielfacht hat.

Als die Unfallopferzahlen höher und höher wurden, haben sich nämlich Ingenieure und Planerinnen intensiv mit der Sicherheit im Straßenverkehr befasst. Die Sicherheit der Fahrzeuge wurde mit Knautschzone, Fahrgastzelle und Gurt entscheidend verbessert. Tempo 100 auf Landstraßen wurde eingeführt**, die Gurtpflicht kam dazu, die Promillegrenze wurde gesenkt usw. Und nicht zuletzt wurde das Rettungswesen entscheidend verbessert. Und Jahr für Jahr starben weniger Menschen bei Verkehrsunfällen. Große Anstrengungen und eine beispiellose Erfolgsgeschichte.

Seit 2011 nimmt die Zahl der Verkehrstoten nicht mehr so kontinuierlich ab, wie man es 40 Jahre lang gewohnt war. Das liegt aber nicht daran, dass dem Verkehrstod keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt wird, sondern daran, dass viele Möglichkeiten – z.B. die passive Sicherheit von Pkw – weitgehend ausgereizt sind. Die EU hatte für den Zeitraum 2000 bis 2010 das Ziel, die Zahl der Verkehrstoten zu halbieren. Das ist fast gelungen. Für den Folgezeitraum bis 2020 ist eine erneute Halbierung das Ziel. Auch wenn das voraussichtlich nicht geschafft wird: Mit weiteren Fortschritten in der Verkehrsregelung (Tempo 30, Fahrradstreifen …) und Fahrzeugtechnik (Assistenzsysteme, automatischer Notruf …) werden die Zahlen wieder sinken.

Natürlich hätte man noch viel wirksamere Maßnahmen ergreifen können, z.B. den motorisierten Individualverkehr gänzlich verbieten. Aber das wäre vielleicht keine gute Idee und jedenfalls gesellschaftlich nicht durchzusetzen gewesen. Letztlich war (und ist) es wohl Konsens, dass eine moderne technikbasierte Gesellschaft mit einem Restrisiko leben muss. Wie groß das akzeptable Risiko im Verhältnis zum Nutzen sein darf, darüber kann man diskutieren, und das wird ja auch getan.

Die Verkehrssicherheit ist ein Beispiel dafür, wie wohldurchdachte technische und administrative Maßnahmen ein Problem in den Griff kriegen können. Und vielleicht, ja vielleicht hat sich auch in manchen Köpfen etwas verändert – weg von der Rechthaberei, hin zu Akzeptanz und Rücksichtnahme. Der Verkehrstod ist nicht abgeschafft, ein Risiko bleibt, aber es wurden ganz entscheidende Verbesserungen erreicht.

Und darum geht es auch bei der Terrorabwehr. Noch ist in Europa das Risiko, Opfer eines Anschlags zu werden, zum Glück verschwindend gering. Und es wird wohl (hoffentlich) auch nie so hoch werden wie das Risiko, einen tödlichen Verkehrsunfall zu erleiden. Aber es ist unübersehbar, dass die Gefahr steigt. Also sollte man Maßnahmen ergreifen. Und ebenso wie man den Verkehrstod bekämpfen kann, ohne den individuellen Straßenverkehr über Gebühr einzuschränken, kann man den Terror bekämpfen, ohne die Demokratie abzuschaffen.***

Die Zusammenarbeit der europäischen Sicherheitsbehörden lässt sich wohl erheblich verbessern, die salafistischen und sonstigen islamistischen Umtriebe können im Vorfeld besser überwacht werden und nicht zuletzt kann der Islamische Staat in Syrien – und wohl auch in Libyen – militärisch vernichtet werden. Und natürlich: das Grundproblem muss gesellschaftlich angegangen werden. Die Tatsache nämlich, dass junge Menschen für einen Wahn empfänglich sind, der sie zu Massenmördern werden lässt.

Über die richtigen Maßnahmen kann man diskutieren, und andere mögen es besser wissen als ich. Und ebenso wie das Unfallrisiko im Straßenverkehr wird man das Risiko tödlicher Attentate nicht auf Null senken können. Aber Opferzahlen zu vergleichen, um Untätigkeit gegenüber dem islamistischen Terror zu fordern oder zu rechtfertigen, ist Unsinn. Und wenn man ausgerechnet die Zahl der Verkehrstoten dafür heranzieht, geht der Schuss nach hinten los.

*Ja, Don Alphonso. Ich bin auch kein Fan von ihm, aber was soll’s?
**Tatsächlich erst 1972. Vorher gab es kein generelles Tempolimit auf deutschen Überlandstraßen.
*** Der Gedanke ist nicht neu, dennoch: Es lohnt sich gewiss, einen Blick darauf zu werfen, wie Israel das anstellt.

(Dank an @atlupus für das Korrekturlesen und die Anregungen)

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High Five mit dem Mörder?

Ich habe mal das Skandalvideo heruntergeladen und  die relevante Sequenz (ganz am Anfang, zweite Szene) in Einzelbilder zerlegt. Die habe ich Frame für Frame genau betrachtet (es sind 95 Einzelbilder) und einzelne Bilder mit Photoshop bearbeitet, um mehr sehen zu können. Natürlich kann ich hier – aus naheliegenden Gründen – das Ergebnis nicht zeigen. Mir fiel Folgendes auf:

Gleich auf dem ersten Bild hat Claudia Roth die Rechte schon erhoben, wobei die Hand unscharf ist, CR scheint zu winken. Der iranische Botschafter, Ali Reza Sheik Attar, hat ebenfalls die Hand erhoben, bewegt sie aber nicht. So hält er die Hand auch später weiter; das ist unschwer als Aufforderung für ein „High Five“ zu interpretieren.

CR lässt ihre Hand zunächst sinken und weicht ein Stück zurück. Dann erst bewegt sie sich wieder vorwärts, stellt sich vor den Botschafter und hebt ihre Rechte in Höhe der Hand des Botschafters.. Es fällt auf, dass CR die Hand so während 10 frames (ca. 0,4 sec) unbeweglich hält, bevor sie beim Botschafter einschlägt. Dann zieht sie ihre Hand schnell zurück (Bewegungsunschärfe) und dreht sich weg.

Wie soll man das interpretieren? Es sieht schon so aus, als ob CR es eigentlich erst bei einem kurzen Winken belassen wollte, dann aber motiviert von der jovialen Geste (und dem dazugehörigen Gesichtsausdruck des Botschafters) anders reagierte und einschlug.

Das stützt Claudia Roths Version jedenfalls insoweit, dass sie sich  gewissermaßen hat überrumpeln lassen. Ich finde diesen Teil der Darstellung eigentlich nicht unglaubwürdig. Wir reagieren auf freundliche Gesten normalerweise instinktiv freundlich. Bis der Verstand mit dem Warnruf durchdringt  „Halt! Bei dem nicht!“ dauert es manchmal zu lange, und dann ist es schon geschehen. Mir ist es jedenfalls schon einige Male passiert, dass ich die hingestreckte Hand einer üblen Ratte spontan ergriffen habe. Schon eine Sekunde später hätte ich mich dafür ohrfeigen können, aber da war es zu spät.

Also ein Augenblicksversagen? Ich würde es jedenfalls nicht ausschließen. Dagegen spricht allerdings, wie CR ihre Hand ein paar Sekundenbruchteile in Höhe der Hand des Botschafters hält. Das gibt der Geste etwas gewollt Feierliches. Vielleicht ist es aber auch als Zögern zu interpretieren?

Den Gesichtsausdruck von Frau Roth kann man auf dem Video leider kaum erkennen, da sie schräg von hinten aufgenommen wurde. Es sieht so aus, als ob sie lacht, ganz sicher ist das aber nicht. Und ob es ggf. ein freudiges Lachen oder ein eher gezwungenes Lächeln ist, ist natürlich ohnehin nicht zu erkennen.

Wahrscheinlich gibt es bei Reuters noch Rohmaterial, auf dem man etwas mehr von der Vorgeschichte erkennen kann. Vielleicht veröffentlichen sie es ja mal und man sieht dann etwas klarer.

Claudia Roth ist mir persönlich unsympathisch. Und sie ist eindeutig eine Vertreterin der gefährlichen und dummen Appeasement-Politik gegenüber dem Iran.  Aber ein freudiges „High Five“ des innigen Einverständnisses mit dem offiziellen Vertreter eines der übelsten und mörderischsten  Regime, die es auf der Welt gibt? Das wäre ja doch eine neue Qualität. Darauf habe ich – wie viele Andere – mit Abscheu reagiert.

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Ich muss aber sagen: Wenn man das Bildmaterial genau ansieht, sind auch andere Interpretationen jedenfalls nicht unmöglich. Vielleicht sollte man auch bei Claudia Roth zunächst einmal.die viel strapazierte Unschuldsvermutung gelten lassen.