Die Mauer in ihren Köpfen

Wir werden in Berlin gerade Zeugen einer Massenhysterie. Wohin man auch schaut und was man auch hört, Presse, öffentlich-rechtlicher und privater Rundfunk, linke und konservative Foren: alle schreien Zetermordio, weil angeblich ein historisch und künstlerisch bedeutendes Baudenkmal abgerissen werden soll.

Über die künstlerische und historische Bedeutung der Eastside-Gallery kann man vielleicht geteilter Meinung sein. Aber darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, denn Fakt ist: Sie wird nicht abgerissen. Im äußersten Fall könnte zu den vier Durchbrüchen, die das Mauerstück schon hat, ein fünfter hinzukommen. Der neue Durchbruch soll maximal etwa 20 m breit werden*. Das sind 2 % der Gesamtlänge von ca. 975 m. Und die herausgenommenen Mauerstücke können obendrein ein paar Meter versetzt wieder aufgestellt werden, so dass kein einziges Kunstwerk wirklich verloren ginge. Zum Vergleich: Zuvor wurden bereits Durchbrüche mit einer Länge von mehr als 60 m geschaffen (= 6 % der Gesamtlänge) und kein Hahn hat danach gekräht.

Das sind schlichte Tatsachen,  die  mithilfe eines Messrads oder mit Google Earth leicht überprüft werden können. In einem früheren Beitrag habe ich schon einmal darauf hingewiesen und sogar eine Zeichnung  gemacht. Seitdem kocht die Volkseele aber mehr und mehr über – in krassem Missverhältnis zum tatsächlichen Anlass der Empörung.  Was ist da los?

Vielleicht hilft es, sich die Protagonist/inn/en des Protests und ihre Motivationen mal näher anzuschauen.

  1. Die direkt betroffenen Künstlerinnen und die Clubbetreiber. Was diese beiden Gruppen umtreibt, ist leicht zu verstehen: Die Künstler finden es gut, wenn ihre Namen gedruckt und ihre Bilder in der Zeitung abgebildet werden und die Clubbetreiberinnen möchten die für sie profitable Zwischennutzung der Ufergrundstücke so lange wie möglich behalten und sind deshalb gegen jede Änderung des status quo. Daran ist nichts Unmoralisches, aber das war sicher nicht die Motivation für die vielen tausend Demonstrierenden der letzten Tage und Wochen .
  2. Die Jungs und Mädels der Initiative „Mediaspree versenken“, die im Sommer 2008 einen spektakulären Erfolg bei einem Volksentscheid  erzielten und die in Friedrichshain-Kreuzberg breite Unterstützung genießen. Die Mauer ist den Mediaspree-Versenkern im Grunde völlig wurscht. Dennoch machen sie sich zur Speerspitze der Bewegung und verbinden den vermeintlichen Angriff auf die Eastside-Gallery geschickt mit ihrem eigentlichen Anliegen: nämlich dem Verhindern von Baumaßnahmen am Spreeufer.
  3. Szeneferne Berliner/innen aus Lichtenrade, Hermsdorf, Britz … – jene, die wir früher despektierlich „Schultheiss-Berliner“ nannten. Aufgerüttelt von B.Z. und Berliner Abendschau finden sie es nicht in Ordnung, dass man ein Mahnmal, das ihnen so am Herzen liegt, abreißen will – obwohl sie vor 4 Wochen wahrscheinlich noch nichts von dessen Existenz wussten. Ein Großteil der 82.000 Unterschriften gegen den „Abriss“ dürfte aus diesem Reservoir stammen und auch das Ergebnis merkwürdiger Umfragen erklärt sich so.**

Ich wage die These: Gruppe 2 und Gruppe 3 unterscheiden sich nicht so sehr voneinander, wie sie es vielleicht selbst glauben. Je näher man hinschaut, desto mehr verschwimmen die Unterschiede. Beide treibt eine diffuse Angst vor der Zukunft, beide nehmen Veränderungen jeder Art als Bedrohung war. Sie sind die eingebildeten oder tatsächlichen Verlierer/innen von Modernisierung, Globalisierung und Gentrifizierung. Das Neue und Fremde ängstigt sie. In Pankow protestieren sie  gegen eine Moschee, in Kreuzberg wird gegen McDonalds und gegen Touristen mobil gemacht. (Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Eastside-Gallery vornehmlich eine Touristenattraktion ist.) Die Dumpfbacken aller Berliner Bezirke vereinigen sich. Hier wächst zusammen, was zusammengehört.

Mir graust.


Möglicherweise reicht dem Bauherrn aber auch die Erweiterung eines an anderer Stelle bestehenden Durchbruchs um wenige Meter

** Rechnen wir mal nach: Auch wenn wir nur die rund 2,5 Millionen Wahlberechtigten als Grundlage nehmen, müssten nach der Umfrage in den letzten 12 Monaten 1.425.000 Berliner/innen die Eastside-Gallery besucht haben, also 3.904 am Tag – zusätzlich zu den Touristinnen und Touristen. Da waren wohl einige nicht ganz ehrlich …

Living Levels

Mit 3-D-Visualisierungen von geplanter Architektur ist das ja so eine Sache. Die Berliner/innen staunten nicht schlecht, als das so visualisierte „Spreedreieck“ am Ende tatsächlich so aussah. Es kommt dabei offensichtlich auch auf den Standpunkt an: Hier die Visualisierung des Projekts „Living Levels“ auf der Website der Vermarkterfirma. Ist der Serviervorschlag-Hinweis rechts unten auf dem Werbebild nicht herrlich? „Unverbindliche Visualisierung“ …. man muss wohl befürchten, dass es am Ende doch eher so aus der Dose kommt wie auf dem Bild der gentrifizierungskritischen Mediaspree-versenken-Initiative (ein bisschen nach unten scrollen). Obwohl, etwas Broccoli wirkt ja als Garnierung manchmal Wunder.

Scherz beiseite. Die Bebauung des Spreeufers wird ja nicht vornehmlich mit ästhetischen Argumenten kritisiert. (Obwohl man schon manchmal den Eindruck hat, die Initiative hält alle Bauwerke für Teufelswerk, die eine Traufhöhe von mehr als 22 m haben.) Eines der Hauptargumente ist aber, dass durch die Mediaspree-Projekte der freie Zugang zum Spreeufer verbaut werde. Das ist schlichter Unsinn und eine Verdrehung der Tatsachen, wie ich im vorigen Blogpost klargestellt habe. Und wenn man den Neubau von Wohnungen auf einem bisher unbebauten Grundstück mit dem Schlagwort „Verdrängung“ in Verbindung bringen will, muss man schon ziemliche Gedankenakrobatik treiben.

Warum ist eigentlich die Forderung „Luxuswohnungen für alle!“ fast nicht zu hören? Noch nicht einmal in ihrer sozialdemokratischen Variante: „Bei Neubauten müssen xx Prozent der Wohnfläche quersubventioniert und mit einer Miete von maximal x €/m² unter sozialen Gesichtspunkten vergeben werden.“ Fände ich eigentlich eine sehr sympathische Forderung.

Stattdessen verschleißen sich die Gentrifizierungsgegner/innen in rückwärts gewandten Abwehrkämpfen, bei denen jede noch so versiffte Brachfläche als erhaltenswerter Freiraum verteidigt wird. Es ist schon richtig: dem „Markt“ darf man das Wohnungsproblem nicht überlassen. Aber richtig ist auch, dass Wohnungsnot nicht behoben wird, wenn keine Häuser gebaut werden. Ob es sowas sein muss wie die „Living Levels“, oder ob man stattdessen doch lieber den etwas faden Grünstreifen am Spreeufer erhalten will – darüber kann man schon diskutieren. Aber da wären wir letztlich wieder bei ästhetischen Argumenten.

Spreeufer für alle?

Eine der jüngsten Säue, die gerade durch das Berliner Dorf getrieben werden, ist der angebliche Abriss der Eastside-Gallery. Ich will im ersten Teil dieses Blogposts etwas zur Versachlichung der Debatte beitragen. (Im zweiten Teil wird dann wieder entsachlicht und lustig polemisiert.) Worum geht’s?

eastside

Derzeit vor allem um die Grundstücke am Nordostufer der Spree, die in der Skizze* rot umrandet dargestellt sind. Für Nichtberliner: Die dicke blaue Linie ist das längste Stück Berliner Mauer, das stehen geblieben ist. Die Spree markierte hier die Grenze, Friedrichshain gehörte zu Ostberlin und Kreuzberg zum Westen. Nach der Wiedervereinigung wurde das Mauerstück auf der nordöstlichen Seite von Künstlern bemalt und ist heute als Eastside-Gallery ein Anziehungspunkt für Touristen.

Zunächst macht die Skizze deutlich, dass dieses Mauerstück schon lange nicht mehr vollkommen intakt ist, sondern  – wenn ich richtig gezählt habe – an mindestens vier Stellen durchbrochen. Man will ja auch mal auf die andere, die Ufer-Seite. Die ist inzwischen übrigens auch bunt bemalt, allerdings eher Graffiti-mäßig, nicht so „künstlerisch“. (Zur Ästhetik der bemalten Mauer gibt es einen schönen Beitrag von Will Sagen.)

Der größte Durchbruch (rund 40 m breit) gegenüber der O2-World schafft eine Verbindung zwischen dieser Veranstaltungshalle und dem Dampferanleger an der Spree. Darüber hat sich seinerzeit niemand groß aufgeregt (abgesehen davon, dass viele die ganze  O2-World nicht gut finden). Warum auch? Das künstlerische Mauerstück wurde ja nicht geschreddert sondern einfach beiseite gerückt, wie man auch auf der Skizze sehen kann.

Tja und nun soll(te) eine weitere etwa 20 m breite Öffnung in die Mauer gebrochen werden, etwa dort wo die magentafarbene Markierung ist. Nicht mehr und nicht weniger. Von einem Abriss oder auch nur Teilabriss der Eastside-Gallery kann keine Rede sein.

Es hieß weiter, dieser Durchbruch würde für die künftigen Bewohner/innen von Luxuswohnungen auf dem Grundstück zwischen „Oststrand-“ und „Yaam-„Gelände geschaffen. Dies wurde allerdings vom Bauherrn vehement dementiert. Allein schon von der Topografie her erscheint das Dementi äußerst glaubwürdig;  denn der Durchbruch liegt nun einmal genau in der Verlängerung der vom Bezirk zum Wiederaufbau vorgesehenen „Brommy-Brücke“. Wie auch immer, das Abendland würde jedenfalls nicht untergehen, wenn aus der Mauergalerie ein weiteres Stück herausgetrennt und beiseite gestellt würde.

Und jetzt noch „Mediaspree versenken“. Die taz hat in einem erhellenden Artikel klargestellt, dass diesem Verein die Eastside-Gallery im Grunde herzlich egal ist. Na ja, gut, aber ist nicht davon abgesehen das Anliegen, eine Bebauung des Ufers zu verhindern, im Grunde legitim und unterstützenswert? Schließlich sollen auch künftig die Menschen ungehindert am Spreeufer flanieren oder picknicken können!

Schauen wir noch einmal auf die Karte. Grau markiert sind die Grundstücke, die nicht frei zugänglich sind. Uupss, das sind ja die mit den Clubs und Stränden! Und einige von deren Betreibern kämpfen Seite an Seite mit „Mediaspree versenken“ gegen die Bebauung des Ufers. Na sowas!

Spreeufer für alle? Zaun des "Yaam"-Club

Spreeufer für alle? Zaun des „Yaam“-Club

Hingegen hat jeder Investor, der am Ufer baut, die Auflage, einen frei zugänglichen Uferweg (für alle und ohne Eintritt!) anzulegen. Man kann es nicht anders sagen: Was „Mediaspree versenken“ zu verteidigen vorgibt, wird es  erst geben, wenn sich die Investoren durchgesetzt haben und die Clubs verschwunden sind.

Sicher, so ein „Strand“ mit exklusivem Wasserzugang ist was Feines. Und hippe Clubs sind auch schön – und gut für die Stadt. Nur weil Opa Hans und Oma Elfriede nicht zu deren Zielgruppen zählen, muss man ja nicht gleich dagegen sein**.  Aber es wäre doch wünschenswert, dass Mediaspreegegner und  Clubbetreiber etwas ehrlicher argumentieren, statt unentwegt Nebelkerzen zu zünden.

Und zu guter Letzt noch ein Wort zu den „Luxus-Wohnungen“. Clubbetreiber Sascha Disselkamp schießt den Vogel ab mit seinem Spruch: „Hier waren Selbstschussanlagen, an diesem Ort sind Menschen gestorben. Hier jetzt Luxuswohnungen hinzubauen ist so, als würde man auf der Museumsinsel eine Tankstelle errichten.“ Die Besucher von Oststrand und Yaam haben sich natürlich immer nur zum gemeinsamen stillen Gedenken an die Maueropfer dort versammelt, ist klar.

Außerdem ist das mit dem Luxus relativ. Bill Gates und Warren Buffet werden sich da nicht einkaufen. Wohl eher ein paar Ärztinnen, Anwälte oder Architektinnen, die gut im Geschäft sind. Die kann man mögen oder nicht, aber wo ist das Problem? Freunde, diese Wohnungen werden zusätzlich gebaut! Das ist keine „Luxussanierung“. Niemand wird dadurch verdrängt. Und wenn ein paar von den reichen Leuten dann über die Brommybrücke in den Kreuzberger Kiez flanieren? Wie furchtbar! Die könnten da ja Essen gehen oder gar einkaufen! Das fänden die Kreuzberger/innen, die einen Imbiss, ein Restaurant, einen Bäckerladen, eine Wäscherei oder was auch immer betreiben, bestimmt ganz schlimm.

* Die Skizze habe ich selbst gezeichnet, auf der Basis von eigener Anschauung, Pressemeldungen und ein bisschen Googeln. Ich denke, sie stimmt im Großen und Ganzen.
**Einen schönen Kompromissvorschlag werde ich in einem späteren Post unterbreiten. Da wird dann auch viel zu Uferwegen an der Spree geschrieben.

Thierse und die Gewöhnung

Wenn man alt wird, so heißt es, lässt das Kurzzeitgedächtnis nach. Dafür kann man sich gut an weit zurückliegende Dinge erinnern. Als Wolfgang Thierse jüngst dummes Zeug über Schrippen und Schwaben erzählte, erinnerte ich mich, dass er zu den Pogromen von Rostock-Lichtenhagen 1992 (als ein entfesselter brauner Mob vietnamesische Vertragsarbeiter und ihre Familien zu ermorden versuchte) etwas noch viel Dämlicheres gesagt hatte. Ich wollte sicher gehen, dass mich mein Gedächtnis nicht trügt, und habe recherchiert*. Er hat es tatsächlich gesagt:

„Wir Ostdeutschen sind den Umgang mit Ausländern noch nicht gewohnt.“

Gregor Gysi kommentierte das damals  treffend etwa so (aus der Erinnerung zitiert): „Es sollte sich schon rumgesprochen haben, dass man seine Mitmenschen nicht umbringt.“

Man könnte ätzend bemerken: Eigentlich sollte Thierse in Prenzlauer Berg genügend Zeit gehabt haben, sich an den Umgang mit seinen schwäbischen Nachbarn zu gewöhnen.

Andererseits: In den 20 Jahren zwischen den beiden – hm – unglücklichen Aussagen hat sich Thierse nicht als Rassist oder Nazi-Versteher hervorgetan. Im Gegenteil. Er hat ziemlich klar Stellung bezogen und sich sogar offensiv den Nazis in den Weg gestellt – bzw. gesetzt. Ein Politiker, der nur alle 20 Jahre mit seinen Äußerungen etwas ins Klo greift, ist eigentlich gar nicht so übel. Im Vergleich.

* Götz Aly: Schulterschluß. Über den deutschen Einklang von Pogrom und Revolution. In: Die Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte (Hrsg. Friedrich-Ebert-Stifung), 1/1993 (40. Jahrgang.) S. 17
Hier gibt’s das PDF.