Auf dem Sprachfluss zu Berg

Kopf, Kristin: Das kleine Etymologicum. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache. Stuttgart (Klett-Cotta) 2014

„Geil“ hatte in meiner Jugend – ich schätze so bis Ende der 1970er Jahre – eine rein sexuelle Bedeutung. Heute heißt es in den meisten Zusammenhängen nichts anderes als etwa „toll“ oder „super“. Ein Beispiel für Bedeutungswandel, den ich selbst bewusst mitbekommen habe. Wobei „toll“ ja ursprünglich so viel hieß wie „dem Wahnsinn verfallen“- eine Bedeutung, die  heute so gut wie verschwunden ist.

Aber … was heißt hier eigentlich ursprünglich?  Bis ins neunzehnte Jahrhundert  (und das habe ich nun aus dem Buch gelernt!) hieß „geil“ nämlich soviel wie „lustig, fröhlich, übermütig“ und Zeitgenossen beklagten, wie das Wort durch die sexuelle Aufladung seine Unschuld verloren habe.

Ein Wort bleibt gleich und ändert seine Bedeutung. Ein Wort behält seine Bedeutung, verändert sich aber in Aussprache und Schreibweise. Oder alles beides ändert sich im Lauf der Zeit. Niemand spricht heute noch so wie Goethes Zeitgenossen, aber verstehen würden wir uns noch. Noch ein paar hundert Jahre früher, und es würde schon schwerer für deutsch sprechende Zeitreisende.

Das verschieben sich Laute, da werden ganze Wörter zu Endungen degradiert, Endungen verselbstständigen sich zu eigenen Wörtern, fremde Wörter wandern ein und werden heimisch, Wörter veralten und sterben aus … In der Sprachgeschichte ist richtig was los. Wenn man  nur ein wenig darüber erfährt, wird klar, was für ein naives und zum Scheitern verurteiltes Unterfangen es ist, einen bestimmten Sprachzustand einfrieren und als für immer richtig definieren zu wollen, sprich eine Sprache zu „schützen“. Wenn eine Sprache gesprochen wird, lebt sie. Und was lebt, verändert sich.

Sprache wird geprägt von gesellschaftlichen Verhältnissen. Und wo eine Wirkung ist, ist auch eine Wechselwirkung. Es ist also nicht unbedingt eine dumme Idee, wenn man versucht eine erwünschte Veränderung zu fördern, indem man die Sprache ein wenig verändert. Das macht auch Kristin Kopf. Sie verwendet bei Gruppenbezeichnungen zufällig verteilt mal die männliche, mal die weibliche Form. Anfangs stutzt man gelegentlich  („Die Vandalinnen haben Rom verwüstet? Wieso das denn? Und was haben ihre Männer währenddessen gemacht?“) aber nach einer Weile ist man daran gewöhnt und es liest sich viel flüssiger und eleganter als Texte, die mit Schrägstrichen, großen Is oder Gendersternchen durchsetzt sind. Und es kommt insgesamt der Wahrheit näher, als wenn nur die männlichen Formen benutzt werden: Denn natürlich haben die Frauen am Sprachwandel genauso mitgewirkt wie die Männer.

Überhaupt merkt man der Autorin an, dass sie ihr Thema liebt. Sie spielt selbst gerne mit der Sprache, assoziiert, hüpft von einem Thema zum anderen, dass es eine Freude ist. Sehr hübsch ist die Flussmetapher, mit der zu Anfang die Sprachentwicklung beschrieben wird. Und sie wirft das Flussbild auch gerade noch rechtzeitig über Bord, bevor der Kahn völlig auf Grund gelaufen ist.

Das Buch richtet sich offensichtlich nicht an Sprachwissenschaftlerinnen sondern an interessierte Laien. Ich habe damit Spaß gehabt und viel gelernt.

Der Tischler als Altlast

Man muss die Sprache nicht versauen um die Frauen einzubauen.

Sehr viele Bezeichnungen für Menschengruppen sind in unserer Sprache geschlechtsspezifisch (in anderen Sprachen auch, aber das ist deren Problem) . Der Schreiner ist ein Mann, die Krankenschwester ist eine Frau. Wobei letzeres schon eine Ausnahme ist, denn die meisten Berufsbezeichnungen sind „eigentlich“ männlich und  werden erst mit dem Anhängsel „in“ zu einer weiblichen Form. Das ist kein Zufall sondern historisch bedingt. Eine sprachliche Altlast.

Wie sollen wir mit dieser Altlast umgehen? Was machen wir, wenn wir nicht nur über männliche Tischler schreiben wollen, sondern über alle, die diesen schönen Beruf ausüben? Es gibt da im Groben folgende Optionen:

  1. Das Problem ignorieren. Einfach immer nur die männlichen Formen verwenden.
    Alle Argumente für diese Vorgehensweise (wenn überhaupt argumentiert wird), lassen sich im Satz zusammenfassen: „Das haben wir schon immer so gemacht.“  Ergänzend wird gerne noch vorgebracht, mit den weiblichen Formen werde die Sprache umständlich, hässlich, verhunzt*. Außerdem sei es ohnehin ganz böse, bewusst die Sprachgewohnheiten ändern zu wollen. Gerne stellen sich die Anhänger/innen (hihi) der Ignoranz-Strategie auch als von  „Political Correctness“ verfolgte Minderheit dar.**
  2. ist eigentlich 1b. Die Sensibleren aus der Ignoranz-Fraktion schreiben über ihren Text oder ins Vorwort oder über das Blog etwas wie „ich schreibe immer nur die männlichen Formen, meine die Frauen aber selbstverständlich mit“.
    Netter Versuch, denkfaul zu bleiben und dennoch einen guten Eindruck zu machen!  Lasst es euch aber gesagt sein: selbst wenn ihr wirklich immer die Frauen mitdenkt; diejenigen, die eure Texte lesen, tun es nicht. Wenn wir „Tischler“ lesen, dann steht vor unserem geistigen Auge ein Mann mit einem Hobel. Mit einem guten Vor-Satz ist das nicht erledigt.
  3. Die bürokratische Variante. Wir ersetzen im gesamten Text „Tischler“ konsequent durch „Tischlerinnen und Tischler“ (oder durch „Tischler/innen“ oder durch „TischlerInnen“). Auf diese Weise liefert man den Ignorant/inn/en die Argumente. Denn solche Texte werden sperrig bis zur Unlesbarkeit. Wer’s nicht glaubt, kann ja mal die Prüfungsordnung der TU Berlin zu lesen versuchen, wo tatsächlich (wahrscheinlich mit Suchen/Ersetzen) durchweg „Studenten“ durch „Studentinnen oder Studenten“ und „Dozenten“ durch „Dozentinnen oder Dozenten“ ersetzt wurde usw.. Das ist grausam. (Allerdings sehe ich durchaus das Problem bei Texten, die im juristischen Sinne eindeutig sein müssen. Elegante und flexible Lösungen sind da manchmal schwierig.)
  4. Wir geben uns Mühe und strengen unseren Grips und unsere sprachliche Fantasie an. Manchmal kann man z.B. männliche und weibliche Formen so durcheinander würfeln, dass wirklich klar wird, dass immer beide gemeint sind. Wo es grundsätzlicher wird, namentlich am Beginn eines Textes, nennt man auch mal ausdrücklich beide. Und dann gibt es noch Worte und Formulierungen die tatsächlich geschlechtsneutral sind. Sagen wir halt „Zimmerleute“ statt „Zimmermänner und Zimmerfrauen“ … Und es spricht auch nicht das Geringste dagegen, solche Worte neu einzuführen. Zugegeben,  „Studierende“ klingt anfangs etwas merkwürdig, aber man gewöhnt sich schnell daran. Und dann ist das Wort genauso gut zu handhaben wie „Studenten“.

Ich versuche es mit Option 4. Mal sehen, wie gut das auf die Dauer gelingt. Wenn man die Sprache neuen gesellschaftlichen Realitäten anpassen oder gar die Realitäten mit der Sprache etwas voranbringen will, ist das aber wohl ein wenig Mühe wert.

Eine Frage hätte ich noch: Wie ist  das eigentlich mit dem „man“? Ich habe das Gefühl, dass mit dieser Konstruktion trotz der lautlichen Identität nicht vorwiegend „Mann“ assoziert wird, sondern Leute, alle, Herr Hinz und Frau Kunz. Sehe ich das richtig? (Ich verspreche: Wenn ich mich eines Anderen belehren lassen muss, werde ich dennoch niemals „man/frau“ schreiben sondern andere Konstruktionen suchen).

Viel mehr und viel Klügeres zu dem Thema kann man im Sprachlog  lesen, z.B. hier, Und diese Broschüre der IG Metall bringt die Sache nach meiner Einschätzung angenehm unaufgeregt und sehr verständlich auf den Punkt. Was da steht, ist eigentlich alles richtig. Erstaunlich, wo man manchmal fündig wird!

* Dieses Argument ist nicht ganz abwegig (siehe 3.). Das macht es ja überhaupt erst notwendig sich ein paar Gedanken zum Thema zu machen.
** Ein uralter Trick. Privilegierte, Mächtige und alle, die der herrschenden Mainstream-Meinung anhängen, wehren sich gerne auf diese Weise, wenn jemand es wagt, sie zu kritisieren oder ihre Privilegien in Frage zu stellen: sie drehen die tatsächlichen Verhältnisse um und fantasieren sich in die Rolle einer verfolgten Minderheit. (Kürzlich konnte man das beispielhaft bei dem Aufschrei beobachten, der durch die Qualitätspresse ging, als das Simon-Wiesenthal-Zentrum einem obsessiven „Israel-Kritiker“ Antisemitismus vorwarf.)

Die Schwachkopfquote (2)

Vor einer Weile habe ich ein bisschen mit Normalverteilungen rumgespielt, um folgende Aussage zu belegen: Wer Frauen von Funktionen ausschließt, sorgt dafür, dass es schlechter funktioniert. Denn man muss notgedrungen auf weniger begabte Männer zurückgreifen, wenn man die begabten Frauen raus hält. Die Schwachkopfquote steigt.

Die Betrachtung mit den zwei identischen Glockenkurven hatte zwei Haken: Zum einen ging sie davon aus, dass sich immer genau gleich viele Frauen wie Männer um eine Position bewerben, was natürlich nicht stimmt. Fast immer sind es (jedenfalls bei attraktiven Jobs) mehr Männer.Zum anderen wurde so getan, als ob  immer die Fähigsten ausgesucht würden. Häufig setzen sich aber bekanntlich nicht die besten Männer durch, sondern die mit  den besseren Beziehungen.

Beides zusammen ist ein Argument für die Frauenquote. Die Frauen hatten noch nicht die Zeit und die Gelegenheit, in dem Maße Seilschaften aufzubauen,wie die Männer in den vergangenen paar Jahrhunderten. Man kann zuversichtlich davon ausgehen, dass unter den wenigen Frauen, die weit genug gekommen sind, sich für einen leitenden Posten überhaupt zu bewerben, die durchschnittliche Qualifikation deutlich höher ist als beim Pool der männlichen Bewerber. Unsere Glockenkurven könnten in Wahrheit also z.B. so aussehen*:

begabung03

Ich denke, das veranschaulicht schön, dass man in der Regel gut dran tut, einen großen Teil der Frauen auch zu nehmen, die sich bewerben.  Wenn man will, dass der Strom nicht ausfällt, die S-Bahn auch im Winter fährt und Bauprojekte pünktlich fertiggestellt werden, dann müssen gute Leute in die leitenden Positionen und nicht Männer mit guten Beziehungen. Was den Frauen fehlt, um sich durchzusetzen (also die Seilschaft), muss man ausgleichen durch umgekehrte Diskriminierung (also z.B. eine Quote).

Das kann man auf andere Gruppen ausdehnen: Wo Migrant(inn)en und Arbeiterkinder so von den Unis ferngehalten werden wie in Deutschland, verschwendet man ein riesiges Potenzial von Begabungen. Wo Machteliten und Männerbünde die Posten unter sich aufteilen, wird schlecht geplant, schlecht geforscht und schlecht regiert. Die durchlässigen, offenen Gesellschaften sind erfolgreich, nicht die mit den repressiven und feudalen Strukturen. Schaut euch um in der Welt, und es wird offensichtlich.**

Wir müssen Bessere an die Stelle der Ackermänner,  Mehdorns*** und Schwarz’**** setzen. Und zwar so, wie man es in zivilisierten Gesellschaften tut – mit Gesetzen und Regeln. Die Frauenquote ist eine davon.

* Und bitte (bitte!) fragt mich nicht nach der Zahlenbasis.
** Man vergleiche z.B. den Entwicklungsstand Israels mit dem seiner Nachbarn.
*** Hätte beinahe die Deutsche Bahn vor die Wand gefahren und ist kurz vor der Bruchlandung bei Air Berlin abgesprungen.
**** Einer von denen, die den Berliner Flughafen BER in den Sand gesetzt haben.

.

Frauenquote und Glockenkurve

Als Erstes gehen wir mal davon aus, dass  Männer und Frauen grundsätzlich etwa gleich intelligent und begabt sind. Soweit werden mir wohl die Meisten folgen. Die Anderen dürfen gehen.

Jetzt nehmen wir weiter an, dass das im Großen und Ganzen auch in Bezug auf die Eignung für ganz bestimmte Aufgaben gilt, also z.B. für den Vorsitz einer Partei oder für die Leitung eines Bauamts. Die Eignung oder Nichteignung verteilt sich also etwa so:

begabung01

Wenn nun eine bestimmte Anzahl von Personen gesucht wird, die ein bestimmtes Gremium besetzen sollen, dann kann man dafür natürlich – wie zum Beispiel bei der Führungsschicht der Piratenpartei oder beim Bau des Berliner Flughafens BER – fast ausschließlich Männer nehmen. Dann bekommt man aber notgedrungen nicht die Geeignetsten, weil man ja auf den Pool der Frauen von vornherein verzichtet.

Die rote Linie in der Grafik unten zeigt, wie weit man dadurch auch auf weniger Geeignete zurückgreifen muss. Entscheiden wir uns stattdessen dafür, je zur Hälfte Männer und Frauen zu nehmen (grüne Linie), also auf beide Verteilungen zurückzugreifen, dann ist der Schnittpunkt mit der waagerechten Achse jeweils deutlich weiter rechts – insgesamt bekommt man also ein weit besser geeignetes Gremium. Kurz und prägnant: Frauenquote vermindert die Schwachkopfquote.

begabung02