Rilke

Lehnen im Abendgarten beide,
lauschen lange nach irgendwo.
„Du hast Hände wie weiße Seide…“
Und da staunt sie: „Du sagst das so…“

Etwas ist in den Garten getreten.
und das Gitter hat nicht geknarrt,
und die Rosen in allen Beeten
beben vor seiner Gegenwart.

Ist das nicht so schön, dass einem die Tränen kommen? Ein Gedicht über die Liebe, ohne Pathos, in ganz einfachen Worten, schwebend, andeutend. Und doch spätestens beim zweiten Lesen völlig klar.

Das  Kompliment in der dritten Zeile verliert seine Kitschigkeit durch den Kontext: Man kann sich gut vorstellen, wie helle Hände in einem dämmrigen „Abendgarten“ weiß leuchten. Und nicht nur weiß, sondern glatt wie Seide sind die Hände – so wird nebenbei erzählt, dass sich die Beiden an den Händen halten. Und dann ihre Antwort: Ein ganz simpler Satz. „Du sagst das so …“ ( …   als ob du mehr damit sagen wolltest.) In der Tat.

Und da tritt ein Etwas, nicht Gegenständliches in den Garten. Etwas Großes, Schönes, das die Welt leise erzittern lässt … Hach.

Ich habe ja ein Schwäche für Lyrik. Rilke allerdings hatte ich bisher weitgehend ignoriert*. Ich bin gallenbitter sehr dankbar dafür, das Gedicht getwittert und mich so darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass bei Rilke noch viel zu entdecken ist.

Das Gedicht stammt aus dem Lyrikband „Advent“  von Rainer Maria Rilke, erschienen in Leizig 1898.

*Warum, würde hier zu weit führen.

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Twitter-Lyrik

Nachdem nun  auch  Sarah Wagenknecht in der FAZ anlässlich der Rezension einer Goethe-Biografie den twitterbedingten Niedergang der  deutschen Sprache beklagt, sehe ich es ein: Es wird höchste Zeit gegenzusteuern. Zeit, der geistig verkümmernden Twitter-Generation etwas Kultur aufs Auge zu drücken – in Form von klassischer deutscher Lyrik.  Wer wäre dazu berufener als ich? Welches Medium wäre dafür geeigneter als Twitter? Eben.

Haikus sind ideale Twitter-Lyrik. Haikus sind praktisch nie länger als 140 Zeichen.  Und es gibt auch ein paar Beispiele deutscher Haiku-Dichtung. Rilke hat schon 1920 damit experimentiert. Besser gefallen hat mir aber  ein späteres Beispiel von Günter Eich:

Vorsicht

Die Kastanien blühn.
Ich nehme es zur Kenntnis,
äußere mich aber nicht dazu

Von Günter Eich stammt auch ein Gedicht, das in einem  meiner Schulbücher abgedruckt war. Das geht so:

Verlassene Alm

Regenwasser
in den Trittspuren der Kühe.
Ratlose Fliegen
nah am November.

Der rote Nagel wird den Wind nicht überstehen.
Der Rahmen wird in den Angeln kreischen,
einmal an den Rahmen schlagen,
einmal an die Mauer.

Wer hört ihn?

Das ist natürlich kein Haiku und viel zu lang für einen Tweet. Andererseits ist die erste Strophe für sich genommen auch schon ein schönes Gedicht. Und mit  gerade mal 73 Zeichen absolut twittertauglich. Mit 139 Zeichen würde die zweite Strophe auch gerade noch in einen Tweet  passen. Und das lehrerhafte „Wer hört ihn?“ am Schluss lassen wir weg.

Und damit wären wir schon beim mutigen, kreativen Umgang mit der Lyrik. „Zerpflücke eine Rose – jedes Blatt ist schön.“ sagt Bertolt Brecht und hat vollkommen Recht. Er war in dieser Hinsicht ja auch nicht gerade zimperlich. Na dann:

Das kleine Haus unter Bäumen am See
Vom Dach steigt Rauch.

ist doch ein wunderbares Haiku. Auch die brechtisch-belehrende zweite Strophe ist zwar sehr schön (und passt sogar noch innerhalb eines einzigen Tweets dazu):

Fehlte er,
Wie trostlos dann wären,
Haus Bäume und See.

Wenn einem aber nicht nach Nachdenken ist sondern nur nach schönen Bildern, kann man sich auf die erste Strophe beschränken. Wir arbeiten uns jetzt vor zu den Klassikern. Von Friedrich Hölderlin stammen die Zeilen:

Die Mauern stehen
Sprachlos und kalt. Im Winde
Klirren die Fahnen.

Wow, das ist gewaltige Sprache! Wen fröstelt da nicht? Und dann ist es auch noch ein lupenreines Haiku nach der 5-7-5-Silbenregel*. Obwohl Hölderlin (wahrscheinlich) nie etwas von Haikus gehört hat.  Natürlich stammen auch diese drei  Zeilen wieder aus einem etwas  längeren Gedicht, und zwar aus dem großartigsten Stück Lyrik, das ich kenne. Aber die drei Zeilen funktionieren auch ohne den Zusammenhang, oder etwa nicht? Ich meine: Man kann das machen.

Wo wir schon so weit gekommen sind, knöpfen wir uns jetzt Goethe vor, um den es ja irgendwie die ganze Zeit geht. Da ist viel zu holen. Wer des Vaterlands mal wieder so richtig überdrüssig ist (was ja so selten nicht vorkommen soll), findet seine Stimmung vielleicht in folgenden Zeilen wieder (120 Zeichen):

Ehrlicher Mann
Fliehe dies Land.
Tote Sümpfe,
Dumpfe Oktobernebel
Verweben ihre Ausflüsse
Hier unzertrennlich
.

Auch das ist mitten aus einem langen Gedicht herausgetrennt. („An Behrisch“). Das darf man! Was lernen wir daraus? Twitter ist ein cooles Medium um Lyrik zu verbreiten, kreativ damit umzugehen und natürlich auch um selber zu dichten, wenn man mag.  Wir schließen mit einem lyrischen Aphorismus von Goethe, der nicht nur in einen Tweet sondern auch gut zum Aufhänger dieses Blogposts passt:

Steil wohl ist er, der Weg zur
Wahrheit, und schlüpfrig zu steigen,
Aber wir legen ihn doch nicht
gern auf Eseln zurück
.

*jedenfalls wenn man bei der ersten Zeile ein bisschen mogelt und aus Hölderlins „stehn“ ein „stehen“ macht. Ich war so frei.

Xerxes und der BER

Mark Twain berichtet, wie der Perserkönig Xerxes ca. 480 Jahre v.Chr.  ein Problem mit Pfusch am Bau löste:

„Im Hellespont sahen wir die Stelle, wo der erste in der Geschichte erwähnte unreelle Baukontrakt ausgeführt wurde und die „Auftragnehmer“ von Xerxes sanft zurechtgewiesen wurden. Ich spreche von der berühmten Schiffsbrücke, die Xerxes an der schmalsten Stelle über den Hellespont schlagen ließ (wo er nur zwei oder drei Meilen breit ist). Ein mittlerer Sturm zerstörte das schwache Gebilde, und der König, der dachte, es könnte eine  gute Wirkung auf die nächste Mannschaft haben, wenn die Bauunternehmer öffentlich gerügt würden, hielt ihnen vor der Armee eine Standpauke und ließ sie enthaupten. In den nächsten zehn Minuten vergab er einen neuen Kontrakt für die Brücke. Die alten Schriftsteller haben beobachtet, dass die zweite eine sehr gute Brücke war.“

Mark Twain: Die Arglosen im Ausland (orig.: A Tramp Abroad), Übersetzung: Ana  Maria Brock

Papa, ich geh zum Zirkus!

Sash, der Taxifahrer, hat ein Buch geschrieben. Es heißt: „Papa, ich geh‘ zum Zirkus! oder: Karriere, kann man das essen?“ Das ist ein schönes Buch, ein lustiges Buch. Ich habe es gerne gelesen.

Sascha Bors, den viele von seinem Blog „Gestern Nacht im Taxi“ kennen, erzählt darin Geschichten aus seinem Berufsleben, oder besser gesagt aus seinen wechselnden Bemühungen, das wenige Geld zu verdienen, das er zum Leben braucht. Die Sammlung  ist chronologisch geordnet und beginnt vor etwa anderthalb Jahrzehnten mit einem Besuch seiner  Oberschulklasse im Stuttgarter Berufsinformationszentrum und endet mit dem gegenwärtigen Traumberuf des Autors: Taxifahrer in Berlin.

Dazwischen lesen wir Geschichten über die verschiedensten Arbeitsverhältnisse, allesamt prekär und – mit einer kurzen Ausnahme – schlecht bis miserabel bezahlt. Den Tiefpunkt markiert der Job beim Sklavenhändler (vulgo: Zeitarbeitsfirma). Hier nimmt die Erzählung kurz wallraffsche Züge an. Sehr sympathisch: es stört den  Autor nicht so sehr, einen lächerlich geringen Stundenlohn  zu verdienen. Viel mehr regt es ihn auf, wenn er herumgeschubst und schlecht behandelt wird.

Das Buch ist aber alles andere als eine Sozialreportage; es ist eine Sammlung unterhaltsamer Geschichten und manchmal zum Brüllen komisch. Liebevoll schildert Sascha Bors die Menschen, die ihm begegnet sind. Besonders gelungen fand ich die Episode, die möglicherweise auch für den Autor ein prägendes Kapitel in seinem bisherigen Leben war: als er im Behindertenfahrdienst arbeitete.

Sascha Bors schreibt eine einfache klare Sprache und gibt nur ganz selten der Versuchung nach, eine gewollt witzige Formulierung einzubauen. Streckenweise erinnert seine Erzählweise an Wladimir Kaminer, mit dem er ja auch gemeinsam hat, aus der Ferne nach Berlin eingewandert zu sein und hier hochdeutsch gelernt zu haben.

Ich kann mir gut vorstellen und wünsche es mir auch, dass Sascha Bors in Zukunft noch weitere Bücher mit Geschichten herausbringt. Und ich wünsche ihm natürlich einen Riesenerfolg. Andererseits: Wenn Sash irgendwann als Bestseller-Autor Millionen scheffelt, wer schreibt dann die tollen Taxi-Geschichten?

Papa, ich geh‘ zum Zirkus! oder: Karriere, kann man das essen?“ von Sascha Bors gibt es als E-book bei Amazon. Es kostet 2,99 € . Wer mit Amazon nichts anfangen kann oder will, wendet sich am besten direkt an den Autor. Der wird Mittel und Wege finden. Findet er ja immer.