Bertha-Benz-Straße

Götz Aly hat mir in diesem Artikel aus der Seele gesprochen: Weil bei Straßenumbenennungen derzeit nur Frauen berücksichtigt werden sollen, kriegt Moses Mendelssohn keinen Platz. Eine Silvio-Meier-Str. wurde aber trotzdem beschlossen, „weil die Anwohner das so wünschten“. Als der einzige Anlieger einer neu angelegten Straße (nämlich die Daimler AG) aber in Übereinstimmung mit der Beschlusslage Bertha Benz als Namensgeberin vorschlug, wurde das abgelehnt. Götz Aly zitiert die Fraktionsvorsitzende der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung wie folgt: „Die können ja gerne hier ihre Zentrale bauen, aber wir sehen unsere Aufgabe nicht darin, Öffentlichkeitsarbeit für die zu machen.“ Der Spruch ist hämisch, und er ist blöd.

Bertha Ringer investierte Ihre Mitgift nicht in einen Hausstand, sondern in die Firma ihres Verlobten. Der Verlobte war Carl Benz, einer der Erfinder des Automobils. Als der Erfolg auf sich warten ließ, half Bertha (nunmehr: Benz) der Firma auf die Sprünge, indem sie 1888 die erste Langfahrt mit einem Auto machte – ohne ihren Mann vorher zu fragen. Wagemutig steuerte sie den von einem 1,5 PS- Einzylindermotor angetriebenen Motorwagen über 106 km von Mannheim nach Pforzheim und wieder zurück.

Benz Motorwagen Nr. 3

Benz Motorwagen Nr. 3
Quelle: http://www.zeno.org – Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

Bertha Benz war eine mutige Frau mit Initiative, Weitblick, technischem Verstand und einem Gespür für das Geschäft. Kein so übles role model eigentlich, oder? Und sie war natürlich eine bedeutende historische Persönlichkeit, die wesentlich zum Durchbruch des Automobils beigetragen hat. Mag sein, dass gerade das den Friedrichshain-Kreuzberger Grünen nicht passt. Wahrscheinlich wollten sie aber nur Daimler ärgern. In beiden Fällen läuft es auf das Selbe hinaus: auf Brechreiz erregende Kleingeistigkeit.

Wohl verstanden: Es spricht nichts dagegen, dass eine Straße nach Silvio Meier benannt wird, der 1992 von Nazis ermordet wurde. Und es ist gut, mit dem Namen von Edith Kiss daran zu erinnern, dass der Reichtum der Daimler AG mit Leid und Tod von Zwangsarbeiter/inne/n gemehrt wurde. Aber Bertha Benz eine Straße zu verweigern und das mit „Öffentlichkeitsarbeit“ für Daimler in Verbindung zu bringen, ist – sagen wir es vorsichtig und mit Moses Mendelssohns Worten – eine Sottise.

Nachtrag 28.4.2013:
In Sachen Moses Mendelssohn hat die BVV gerade nochmal die Kurve gekriegt: Der Platz wird „Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz“ heißen. Man nimmt also die Ehefrau von Moses Mendelssohn mit auf.Ich halte das für eine salomonische Entscheidung und kann nicht verstehen, warum sich der kluge Götz Aly darüber so aufregt. Woher weiß er eigentlich so genau, dass Fromet nicht auch die Mutter der jüdisch-deutschen Aufklärung war oder jedenfalls dazu beigetragen hat? In jener Zeit (und auch noch in der Zeit von Bertha Benz …) kam es ja nicht selten vor, dass die geistigen Leistungen der Frauen nur unter dem Namen ihrer Männer bekannt werden konnten.  Aber auch wenn nicht – auf jeden Fall hat Fromet ihrem Mann den Rücken gestärkt und ihm Ärger vom Hals gehalten. Hat sie es nicht allein dafür verdient, ebenfalls ein bisschen geehrt zu werden?

Anatol Stefanowitsch bringt es hier m.E. auf den Punkt. Ich finde: Selbst wenn es Fromet Mendelssohns einziger Verdienst gewesen wäre, Moses zu der wundervollen Geschichte mit dem Buckel zu inspirieren, hätte sie dafür schon einen eigenen Platz verdient.

Die Mauer in ihren Köpfen

Wir werden in Berlin gerade Zeugen einer Massenhysterie. Wohin man auch schaut und was man auch hört, Presse, öffentlich-rechtlicher und privater Rundfunk, linke und konservative Foren: alle schreien Zetermordio, weil angeblich ein historisch und künstlerisch bedeutendes Baudenkmal abgerissen werden soll.

Über die künstlerische und historische Bedeutung der Eastside-Gallery kann man vielleicht geteilter Meinung sein. Aber darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, denn Fakt ist: Sie wird nicht abgerissen. Im äußersten Fall könnte zu den vier Durchbrüchen, die das Mauerstück schon hat, ein fünfter hinzukommen. Der neue Durchbruch soll maximal etwa 20 m breit werden*. Das sind 2 % der Gesamtlänge von ca. 975 m. Und die herausgenommenen Mauerstücke können obendrein ein paar Meter versetzt wieder aufgestellt werden, so dass kein einziges Kunstwerk wirklich verloren ginge. Zum Vergleich: Zuvor wurden bereits Durchbrüche mit einer Länge von mehr als 60 m geschaffen (= 6 % der Gesamtlänge) und kein Hahn hat danach gekräht.

Das sind schlichte Tatsachen,  die  mithilfe eines Messrads oder mit Google Earth leicht überprüft werden können. In einem früheren Beitrag habe ich schon einmal darauf hingewiesen und sogar eine Zeichnung  gemacht. Seitdem kocht die Volkseele aber mehr und mehr über – in krassem Missverhältnis zum tatsächlichen Anlass der Empörung.  Was ist da los?

Vielleicht hilft es, sich die Protagonist/inn/en des Protests und ihre Motivationen mal näher anzuschauen.

  1. Die direkt betroffenen Künstlerinnen und die Clubbetreiber. Was diese beiden Gruppen umtreibt, ist leicht zu verstehen: Die Künstler finden es gut, wenn ihre Namen gedruckt und ihre Bilder in der Zeitung abgebildet werden und die Clubbetreiberinnen möchten die für sie profitable Zwischennutzung der Ufergrundstücke so lange wie möglich behalten und sind deshalb gegen jede Änderung des status quo. Daran ist nichts Unmoralisches, aber das war sicher nicht die Motivation für die vielen tausend Demonstrierenden der letzten Tage und Wochen .
  2. Die Jungs und Mädels der Initiative „Mediaspree versenken“, die im Sommer 2008 einen spektakulären Erfolg bei einem Volksentscheid  erzielten und die in Friedrichshain-Kreuzberg breite Unterstützung genießen. Die Mauer ist den Mediaspree-Versenkern im Grunde völlig wurscht. Dennoch machen sie sich zur Speerspitze der Bewegung und verbinden den vermeintlichen Angriff auf die Eastside-Gallery geschickt mit ihrem eigentlichen Anliegen: nämlich dem Verhindern von Baumaßnahmen am Spreeufer.
  3. Szeneferne Berliner/innen aus Lichtenrade, Hermsdorf, Britz … – jene, die wir früher despektierlich „Schultheiss-Berliner“ nannten. Aufgerüttelt von B.Z. und Berliner Abendschau finden sie es nicht in Ordnung, dass man ein Mahnmal, das ihnen so am Herzen liegt, abreißen will – obwohl sie vor 4 Wochen wahrscheinlich noch nichts von dessen Existenz wussten. Ein Großteil der 82.000 Unterschriften gegen den „Abriss“ dürfte aus diesem Reservoir stammen und auch das Ergebnis merkwürdiger Umfragen erklärt sich so.**

Ich wage die These: Gruppe 2 und Gruppe 3 unterscheiden sich nicht so sehr voneinander, wie sie es vielleicht selbst glauben. Je näher man hinschaut, desto mehr verschwimmen die Unterschiede. Beide treibt eine diffuse Angst vor der Zukunft, beide nehmen Veränderungen jeder Art als Bedrohung war. Sie sind die eingebildeten oder tatsächlichen Verlierer/innen von Modernisierung, Globalisierung und Gentrifizierung. Das Neue und Fremde ängstigt sie. In Pankow protestieren sie  gegen eine Moschee, in Kreuzberg wird gegen McDonalds und gegen Touristen mobil gemacht. (Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Eastside-Gallery vornehmlich eine Touristenattraktion ist.) Die Dumpfbacken aller Berliner Bezirke vereinigen sich. Hier wächst zusammen, was zusammengehört.

Mir graust.


Möglicherweise reicht dem Bauherrn aber auch die Erweiterung eines an anderer Stelle bestehenden Durchbruchs um wenige Meter

** Rechnen wir mal nach: Auch wenn wir nur die rund 2,5 Millionen Wahlberechtigten als Grundlage nehmen, müssten nach der Umfrage in den letzten 12 Monaten 1.425.000 Berliner/innen die Eastside-Gallery besucht haben, also 3.904 am Tag – zusätzlich zu den Touristinnen und Touristen. Da waren wohl einige nicht ganz ehrlich …

Immer an der Spree lang

Wer folgte nicht auf Wanderungen dem Lauf der Gewässer, wenn er nur frei ist, seine Wahl zu treffen?“ schreibt der Dichter*. Und da hat er Recht. Wie frei sind wir in Berlin, dem Lauf der Spree zu folgen? Das sieht eigentlich gar nicht so schlecht aus, wie man auf unten stehender Kartenskizze (klicken für die vollständige Version)  erkennen kann. In der Karte sind begehbare Uferabschnitte grün und unzugängliche rot gekennzeichnet. (Ich habe die Karte nach bestem Wissen und Gewissen gezeichnet. Wenn etwas nicht stimmt, lasst es mich wissen.)

Spreeuferweg

Vom Plänterwald im Südosten bis zum Charlottenburger Schloss im Westen können wir über lange Passagen ungehindert an der Spree entlang wandern. Ab und zu müssen wir über eine Brücke die Seite wechseln, in der gesamten Innenstadt aber (von der Jannowitzbrücke bis zu Lessingbrücke) können wir uns sogar die Seite aussuchen. Westlich der Lessingbrücke muss man an zwei Stellen ein Ufergrundstück umgehen; das ist aber ohne großen Stress möglich.

Nur dort, wo auf der Karte die gelbe Linie des vorgeschlagenen Wegs direkt neben einer roten verläuft, haben wir noch ein Problem. Denn hier ist das Ufer unzugänglich und es gibt keine einfache Umgehung. Entweder müsste man sich weit vom Ufer entfernen oder längere Strecken entlang ungemütlicher Hauptverkehrsstraßen weitergehen.

Und wo sind die roten Markierungen? Fast nur im südöstlichen Teil von Mitte und in Friedrichshain-Kreuzberg – also dort, wo sich die Initiative „Mediaspree versenken“ dem finsteren Treiben der Investoren entgegen wirft, die – hm –   das Spreeufer verbauen wollen. (Nur dass die Investoren bisher kaum etwas gebaut haben, außer am linken** Spreeufer zwischen Elsenbrücke und Arena, das zu Treptow gehört. Da allerdings gibt es einen – beim Bau der Treptowers neu angelegten –  Uferweg. Nun ja.) Bei unserer Spreewanderung beginnen die Probleme so richtig in Höhe der Eastside-Gallery, einem Abschnitt, den ich schon in einem früheren Blogpost näher betrachtet habe.

Okay, umgehen  wir in Gottes Namen bis auf Weiteres*** Oststrand, Yaam und Magdalena /Bar25 , aber danach geht’s am rechten Ufer echt nicht mehr weiter; denn etwas weiter vorne schwenkt die Bahnlinie bis an die Spree. Und auf den Geleisen wollen wir nun wirklich nicht wandern. Also links über die Schillingbrücke. Auf der anderen Seite können wir vor dem Verdi-Gebäude zunächst wieder am Ufer entlang, stehen aber kurz darauf schon  wieder vor einem Zaun. Jenseits des Zaunes liegt viel Brachland vor uns, und dort, wo Gebäude stehen, reichen sie nicht bis zum Fluss. Technisch wäre ein Uferweg bis zur nächsten Brücke also kein großes Problem. Hier ist u.a. das Gelände des ehemaligen „Kiki Blofeld“. Das gehört jetzt einer Investorengruppe namens „Spreefeld“, die dort Wohnhäuser errichtet. Spreefeld gehört übrigens nicht zu den Bösen, sie sind jedenfalls eine Genossenschaft. Sogar eine Jurte wollen sie bauen! Ein öffentlicher Uferweg wird hier ganz selbstverständlich zu den Bau-Auflagen gehören. Und westlich davon ist das „Kater Holzig“, noch ein Club. Dessen Eigner meinen es ebenfalls gut mit dem Spreeufer; denn sie haben schließlich auch das Grundstück der ehemaligen Bar 25 auf der anderen Spreeseite gekauft und planen dort lauter ganz tolle Sachen. Also sollte das Stück Uferweg zwischen Schilling- und Michaelbrücke eigentlich bald entstehen – mit den in Berlin üblichen Verzögerungen von 2 bis 5 Jahren schätzungsweise.

Unmittelbar westlich der Michaelbrücke steht ein Kraftwerk. Da werden wir wohl auch weiterhin drumrum gehen müssen. Direkt dahinter kann man aber auch heute schon wieder zur Spree schwenken und von da an bis Charlottenburg fast ungehindert am Ufer entlang wandern. Die gesamte Strecke vom Plänterwald bis zum Schlosspark Charlottenburg ist übrigens etwas mehr als 20 km lang – eine schöne Tagesetappe.

* Thomas Mann, Herr und Hund

** Die Spree fließt von Südost nach Nordwest durch Berlin. Rechtes und linkes Ufer wird bei Flüssen immer mit Blick in Fließrichtung definiert.

*** Ein Schuft der Schlechtes dabei denkt – irgendwann wird dort etwas Neues gebaut werden und dann auch ein Uferweg entstehen.

Living Levels

Mit 3-D-Visualisierungen von geplanter Architektur ist das ja so eine Sache. Die Berliner/innen staunten nicht schlecht, als das so visualisierte „Spreedreieck“ am Ende tatsächlich so aussah. Es kommt dabei offensichtlich auch auf den Standpunkt an: Hier die Visualisierung des Projekts „Living Levels“ auf der Website der Vermarkterfirma. Ist der Serviervorschlag-Hinweis rechts unten auf dem Werbebild nicht herrlich? „Unverbindliche Visualisierung“ …. man muss wohl befürchten, dass es am Ende doch eher so aus der Dose kommt wie auf dem Bild der gentrifizierungskritischen Mediaspree-versenken-Initiative (ein bisschen nach unten scrollen). Obwohl, etwas Broccoli wirkt ja als Garnierung manchmal Wunder.

Scherz beiseite. Die Bebauung des Spreeufers wird ja nicht vornehmlich mit ästhetischen Argumenten kritisiert. (Obwohl man schon manchmal den Eindruck hat, die Initiative hält alle Bauwerke für Teufelswerk, die eine Traufhöhe von mehr als 22 m haben.) Eines der Hauptargumente ist aber, dass durch die Mediaspree-Projekte der freie Zugang zum Spreeufer verbaut werde. Das ist schlichter Unsinn und eine Verdrehung der Tatsachen, wie ich im vorigen Blogpost klargestellt habe. Und wenn man den Neubau von Wohnungen auf einem bisher unbebauten Grundstück mit dem Schlagwort „Verdrängung“ in Verbindung bringen will, muss man schon ziemliche Gedankenakrobatik treiben.

Warum ist eigentlich die Forderung „Luxuswohnungen für alle!“ fast nicht zu hören? Noch nicht einmal in ihrer sozialdemokratischen Variante: „Bei Neubauten müssen xx Prozent der Wohnfläche quersubventioniert und mit einer Miete von maximal x €/m² unter sozialen Gesichtspunkten vergeben werden.“ Fände ich eigentlich eine sehr sympathische Forderung.

Stattdessen verschleißen sich die Gentrifizierungsgegner/innen in rückwärts gewandten Abwehrkämpfen, bei denen jede noch so versiffte Brachfläche als erhaltenswerter Freiraum verteidigt wird. Es ist schon richtig: dem „Markt“ darf man das Wohnungsproblem nicht überlassen. Aber richtig ist auch, dass Wohnungsnot nicht behoben wird, wenn keine Häuser gebaut werden. Ob es sowas sein muss wie die „Living Levels“, oder ob man stattdessen doch lieber den etwas faden Grünstreifen am Spreeufer erhalten will – darüber kann man schon diskutieren. Aber da wären wir letztlich wieder bei ästhetischen Argumenten.

Spreeufer für alle?

Eine der jüngsten Säue, die gerade durch das Berliner Dorf getrieben werden, ist der angebliche Abriss der Eastside-Gallery. Ich will im ersten Teil dieses Blogposts etwas zur Versachlichung der Debatte beitragen. (Im zweiten Teil wird dann wieder entsachlicht und lustig polemisiert.) Worum geht’s?

eastside

Derzeit vor allem um die Grundstücke am Nordostufer der Spree, die in der Skizze* rot umrandet dargestellt sind. Für Nichtberliner: Die dicke blaue Linie ist das längste Stück Berliner Mauer, das stehen geblieben ist. Die Spree markierte hier die Grenze, Friedrichshain gehörte zu Ostberlin und Kreuzberg zum Westen. Nach der Wiedervereinigung wurde das Mauerstück auf der nordöstlichen Seite von Künstlern bemalt und ist heute als Eastside-Gallery ein Anziehungspunkt für Touristen.

Zunächst macht die Skizze deutlich, dass dieses Mauerstück schon lange nicht mehr vollkommen intakt ist, sondern  – wenn ich richtig gezählt habe – an mindestens vier Stellen durchbrochen. Man will ja auch mal auf die andere, die Ufer-Seite. Die ist inzwischen übrigens auch bunt bemalt, allerdings eher Graffiti-mäßig, nicht so „künstlerisch“. (Zur Ästhetik der bemalten Mauer gibt es einen schönen Beitrag von Will Sagen.)

Der größte Durchbruch (rund 40 m breit) gegenüber der O2-World schafft eine Verbindung zwischen dieser Veranstaltungshalle und dem Dampferanleger an der Spree. Darüber hat sich seinerzeit niemand groß aufgeregt (abgesehen davon, dass viele die ganze  O2-World nicht gut finden). Warum auch? Das künstlerische Mauerstück wurde ja nicht geschreddert sondern einfach beiseite gerückt, wie man auch auf der Skizze sehen kann.

Tja und nun soll(te) eine weitere etwa 20 m breite Öffnung in die Mauer gebrochen werden, etwa dort wo die magentafarbene Markierung ist. Nicht mehr und nicht weniger. Von einem Abriss oder auch nur Teilabriss der Eastside-Gallery kann keine Rede sein.

Es hieß weiter, dieser Durchbruch würde für die künftigen Bewohner/innen von Luxuswohnungen auf dem Grundstück zwischen „Oststrand-“ und „Yaam-„Gelände geschaffen. Dies wurde allerdings vom Bauherrn vehement dementiert. Allein schon von der Topografie her erscheint das Dementi äußerst glaubwürdig;  denn der Durchbruch liegt nun einmal genau in der Verlängerung der vom Bezirk zum Wiederaufbau vorgesehenen „Brommy-Brücke“. Wie auch immer, das Abendland würde jedenfalls nicht untergehen, wenn aus der Mauergalerie ein weiteres Stück herausgetrennt und beiseite gestellt würde.

Und jetzt noch „Mediaspree versenken“. Die taz hat in einem erhellenden Artikel klargestellt, dass diesem Verein die Eastside-Gallery im Grunde herzlich egal ist. Na ja, gut, aber ist nicht davon abgesehen das Anliegen, eine Bebauung des Ufers zu verhindern, im Grunde legitim und unterstützenswert? Schließlich sollen auch künftig die Menschen ungehindert am Spreeufer flanieren oder picknicken können!

Schauen wir noch einmal auf die Karte. Grau markiert sind die Grundstücke, die nicht frei zugänglich sind. Uupss, das sind ja die mit den Clubs und Stränden! Und einige von deren Betreibern kämpfen Seite an Seite mit „Mediaspree versenken“ gegen die Bebauung des Ufers. Na sowas!

Spreeufer für alle? Zaun des "Yaam"-Club

Spreeufer für alle? Zaun des „Yaam“-Club

Hingegen hat jeder Investor, der am Ufer baut, die Auflage, einen frei zugänglichen Uferweg (für alle und ohne Eintritt!) anzulegen. Man kann es nicht anders sagen: Was „Mediaspree versenken“ zu verteidigen vorgibt, wird es  erst geben, wenn sich die Investoren durchgesetzt haben und die Clubs verschwunden sind.

Sicher, so ein „Strand“ mit exklusivem Wasserzugang ist was Feines. Und hippe Clubs sind auch schön – und gut für die Stadt. Nur weil Opa Hans und Oma Elfriede nicht zu deren Zielgruppen zählen, muss man ja nicht gleich dagegen sein**.  Aber es wäre doch wünschenswert, dass Mediaspreegegner und  Clubbetreiber etwas ehrlicher argumentieren, statt unentwegt Nebelkerzen zu zünden.

Und zu guter Letzt noch ein Wort zu den „Luxus-Wohnungen“. Clubbetreiber Sascha Disselkamp schießt den Vogel ab mit seinem Spruch: „Hier waren Selbstschussanlagen, an diesem Ort sind Menschen gestorben. Hier jetzt Luxuswohnungen hinzubauen ist so, als würde man auf der Museumsinsel eine Tankstelle errichten.“ Die Besucher von Oststrand und Yaam haben sich natürlich immer nur zum gemeinsamen stillen Gedenken an die Maueropfer dort versammelt, ist klar.

Außerdem ist das mit dem Luxus relativ. Bill Gates und Warren Buffet werden sich da nicht einkaufen. Wohl eher ein paar Ärztinnen, Anwälte oder Architektinnen, die gut im Geschäft sind. Die kann man mögen oder nicht, aber wo ist das Problem? Freunde, diese Wohnungen werden zusätzlich gebaut! Das ist keine „Luxussanierung“. Niemand wird dadurch verdrängt. Und wenn ein paar von den reichen Leuten dann über die Brommybrücke in den Kreuzberger Kiez flanieren? Wie furchtbar! Die könnten da ja Essen gehen oder gar einkaufen! Das fänden die Kreuzberger/innen, die einen Imbiss, ein Restaurant, einen Bäckerladen, eine Wäscherei oder was auch immer betreiben, bestimmt ganz schlimm.

* Die Skizze habe ich selbst gezeichnet, auf der Basis von eigener Anschauung, Pressemeldungen und ein bisschen Googeln. Ich denke, sie stimmt im Großen und Ganzen.
**Einen schönen Kompromissvorschlag werde ich in einem späteren Post unterbreiten. Da wird dann auch viel zu Uferwegen an der Spree geschrieben.

Papa, ich geh zum Zirkus!

Sash, der Taxifahrer, hat ein Buch geschrieben. Es heißt: „Papa, ich geh‘ zum Zirkus! oder: Karriere, kann man das essen?“ Das ist ein schönes Buch, ein lustiges Buch. Ich habe es gerne gelesen.

Sascha Bors, den viele von seinem Blog „Gestern Nacht im Taxi“ kennen, erzählt darin Geschichten aus seinem Berufsleben, oder besser gesagt aus seinen wechselnden Bemühungen, das wenige Geld zu verdienen, das er zum Leben braucht. Die Sammlung  ist chronologisch geordnet und beginnt vor etwa anderthalb Jahrzehnten mit einem Besuch seiner  Oberschulklasse im Stuttgarter Berufsinformationszentrum und endet mit dem gegenwärtigen Traumberuf des Autors: Taxifahrer in Berlin.

Dazwischen lesen wir Geschichten über die verschiedensten Arbeitsverhältnisse, allesamt prekär und – mit einer kurzen Ausnahme – schlecht bis miserabel bezahlt. Den Tiefpunkt markiert der Job beim Sklavenhändler (vulgo: Zeitarbeitsfirma). Hier nimmt die Erzählung kurz wallraffsche Züge an. Sehr sympathisch: es stört den  Autor nicht so sehr, einen lächerlich geringen Stundenlohn  zu verdienen. Viel mehr regt es ihn auf, wenn er herumgeschubst und schlecht behandelt wird.

Das Buch ist aber alles andere als eine Sozialreportage; es ist eine Sammlung unterhaltsamer Geschichten und manchmal zum Brüllen komisch. Liebevoll schildert Sascha Bors die Menschen, die ihm begegnet sind. Besonders gelungen fand ich die Episode, die möglicherweise auch für den Autor ein prägendes Kapitel in seinem bisherigen Leben war: als er im Behindertenfahrdienst arbeitete.

Sascha Bors schreibt eine einfache klare Sprache und gibt nur ganz selten der Versuchung nach, eine gewollt witzige Formulierung einzubauen. Streckenweise erinnert seine Erzählweise an Wladimir Kaminer, mit dem er ja auch gemeinsam hat, aus der Ferne nach Berlin eingewandert zu sein und hier hochdeutsch gelernt zu haben.

Ich kann mir gut vorstellen und wünsche es mir auch, dass Sascha Bors in Zukunft noch weitere Bücher mit Geschichten herausbringt. Und ich wünsche ihm natürlich einen Riesenerfolg. Andererseits: Wenn Sash irgendwann als Bestseller-Autor Millionen scheffelt, wer schreibt dann die tollen Taxi-Geschichten?

Papa, ich geh‘ zum Zirkus! oder: Karriere, kann man das essen?“ von Sascha Bors gibt es als E-book bei Amazon. Es kostet 2,99 € . Wer mit Amazon nichts anfangen kann oder will, wendet sich am besten direkt an den Autor. Der wird Mittel und Wege finden. Findet er ja immer.

Transrapid statt BER

Schon vor rund zehn Jahren war absehbar, dass der unfähige Polit- und Verwaltungsfilz der Länder Berlin und Brandenburg ein Projekt wie den neuen Flughafen nicht auf die Reihe kriegen wird. Das haben die Herren ja nun eindrucksvoll bestätigt. Anlass, mich an eine gute alte Idee zu erinnern.

Ich dachte damals: Baut keinen Flughafen für Berlin-Brandenburg, das wird sowieso nichts. Baut stattdessen den schon funktionierenden Flughafen von Leipzig zum ostdeutschen Zentralflughafen aus. Und damit man von Berlin aus schnell genug dahin kommt, wird von der Hauptstadt zum Leipziger Flughafen eine Transrapid-Strecke gebaut. Der Transrapid braucht dafür keine halbe Stunde und mit dem Einchecken kann man das so machen, wie es Edmund Stoiber in einer seiner berühmtesten Reden anschaulich beschrieben hat.

Mit dieser Lösung hätte man einige Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Der Ausbau des Leipziger Flughafens wäre schon deshalb erfolgversprechender gewesen, weil er in der Regie der rührigen Sächsinnen und Sachsen geschehen wäre statt unter Berliner Leitung. Es wäre – wenn überhaupt – auch mit weit weniger Widerstand zu rechnen gewesen. Es gibt in Leipzig kein Nachtflugverbot und kaum jemand scheint das zu stören.

Und es wäre zugleich eine vernünftige Strecke gefunden worden, wo man den Transrapid, diese wirklich geile Technik, endlich in Deutschland hätte einsetzen können. Die Verbindung Hamburg-Berlin war zuvor schon an der Feigheit der Investoren gescheitert und die Strecke von München zum dortigen Flughafen ist ohnehin zu kurz, um die Vorteile des Transrapid zur Geltung zu bringen.

Und schließlich: Wenn sich die kühnen Prognosen über die wahnsinnigen Zuwachsraten des Luftverkehrs (z.B. nach dem Ende des Billigflieger-Booms) als Makulatur erweisen sollten, hätte man nicht ein teures Monstrum in den märkischen Sand gesetzt, sondern ein Stück Zukunftstechnologie in die richtige Richtung gebaut. Irgendwann hätte man über eine Verlängerung der Transrapid-Strecke nach Nürnberg und München (Verona-Bologna-Florenz?) nachdenken können, statt das Geld der Bahnkunden in Stuttgart zu vergraben.

Ich habe damals übrigens den Vorschlag nassforsch an den damaligen Berliner Wirtschaftssenator gemailt und sogar angeboten, dass er es als seine Idee ausgeben darf. Hat er bekanntlich nicht gemacht. Tja, wer nicht hören will …