Das Privileg der Nichtbetroffenheit

Ich wage mich auf dünnes Eis, ich weiß.

Wenn Eltern, deren Kind ermordet wurde, in ihrer Trauer und Verzweiflung nach Rache schreien und den Tod des Täters fordern: Wer wollte ihnen das übel nehmen? Menschen, die derartiges Leid erfahren haben, zu Mäßigung und Vernunft ermahnen? Das wäre blanker Hohn.

Die anderen aber können und müssen ruhig bleiben. Und abwägen. Und feststellen, dass mit der Todesstrafe nichts besser, aber vieles schlimmer würde.

Es ist ein Privileg, nicht direkt betroffen zu sein. Wer so privilegiert ist, kann mit Empathie den Betroffenen zuzuhören und vielleicht sogar – wo es geht – ein wenig helfen. Er muss sich aber nicht in imaginierte Betroffenheit hineinsteigern und die Betroffenen mit extremen Forderungen überbieten.

Ich kann versuchen mir vorzustellen, wie es sein muss, von täglichem Rassismus betroffen zu sein.  Es ist eine gute und vernünftige Forderung an die Nichtbetroffenen, dass sie das versuchen sollen.* Ich denke, es muss aufreibend sein und eine andauernde Zumutung. Allein wieviel Lebenskraft dadurch verbraucht wird, wenn Menschen sich andauernd gegen rassistische Zumutungen zur Wehr setzen müssen!

Ich kann und sollte auch darüber nachdenken, was an meinem Verhalten nicht in Ordnung ist. Zuhören und Nachdenken hat noch niemandem geschadet. Etwas Neues zu lernen und daraus Konsequenzen zu ziehen, ist etwas Wunderbares.  Nur dumme Menschen klammern sich stur an einmal gelernte Verhaltens- und Redeweisen. Es ist gut, wenn sich Nichtbetroffene mit Opfern des Rassismus solidarisieren.

Nicht gut ist, in einen Wettbewerb der Selbstbezichtigung einzutreten und Menschen, die zögern, abweichender Meinung sind, nicht so weit gehen wollen, noch nachdenken und nach Antworten suchen: alle diese Menschen auszugrenzen und kompromisslos zu Rassisten abzustempeln. Ich kenne so etwas von den K-Gruppen der 1970er Jahre (einige der Älteren werden sich erinnern): Die Kämpfe darum, wer am linientreuesten ist, die unbedingt zu befolgenden Sprachregelungen. Die aggressivsten Eiferer bei den K-Gruppen waren natürlich nicht die (wenigen) Arbeiter/innen sondern fast immer die Kinder aus Mittel- und Oberschicht.

Wenn eine politische Bewegung in ein solches Stadium des Sektierertums tritt, ist sie im Niedergang begriffen. Sie beschäftigt sich nur mehr mit sich selbst und verliert alle Strahlkraft nach außen. Sind Teile der engagierten Antirassisten in dieses Stadium eingetreten? Ich bin mir nicht sicher, ich stecke da nicht so drin. Aber einige Anzeichen dafür sehe ich. Es wäre schade.

*Mir haben u.a. dieser und auch dieser Text dabei geholfen.

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