Selber denken?

Freihandelsabkommen, Gentechnik,  Energieversorgung,  internationale Finanzpolitik, Bildungswesen, europäische Einigung … uff! Alles Dinge, die wichtig sind, und die uns etwas angehen.

Selber denken, sich selbst ein Urteil bilden, schön und gut. Aber auf welcher Grundlage denn? Kein Mensch kann sich so gut auskennen, dass er aufgrund eigener Abwägungen in jedem einzelnen relevanten Themengebiet selbstständig rational begründete Entscheidungen treffen kann. 

Wir müssen deshalb Krücken finden, mit deren Hilfe wir zu einem vernünftigen Urteil gelangen können, ohne von allem jede Einzelheit zu verstehen. Da wäre z.B. das Vertrauen in andere Menschen, die mehr wissen als wir. Die meisten von uns haben als Kinder wohl ihren Eltern* vertraut, und im Großen und Ganzen geglaubt, was die erzählt haben. Eine zweckmäßige und schnelle Methode, sich auf der Welt zurechtfinden zu lernen – und für ein kleines Kind fast unumgänglich.

So wie unseren Eltern in früher Lebensphase werden wir wohl nie wieder jemandem vertrauen. Wenn ich aber von einem Menschen große Stücke halte, glaube ich ihm, auch wenn er mir Erstaunliches mitteilt. Und umgekehrt. Schauen wir bei einem offenen Brief nicht zuerst, wer ihn unterzeichnet hat und lesen dann seinen Inhalt – je nachdem mehr oder weniger skeptisch? Die Botschaft unabhängig davon zu beurteilen, wer sie überbringt, wird nur selten gelingen. Und warum soll man auch nicht alle Information verwenden, die zur Verfügung stehen?

Es ist letztlich unumgänglich, immer wieder auf das Urteil anderer Menschen zu bauen und in der Konsequenz auch Entscheidungen zu delegieren.  Es sollte nicht schwer fallen, einer Kollegin in einem Teilbereich die größere Kompetenz zuzugestehen und Entscheidungen in diesem Bereich ihr zu überlassen. Oder die gesammelten Belege der Steuerberaterin vor die Füße zu schütten in der Zuversicht, dass sie schon das Beste für einen rausholt.

Das Problem ist natürlich: Wie unterscheiden wir, wer unser Vertrauen verdient und wer ein verlogener Scharlatan ist? Ein Patentrezept dafür habe ich nicht. Muss halt jede/r selber drüber nachdenken.

* „Eltern“ steht für die Bezugsperson(en) des Kleinkinds, völlig wurscht, ob das Papa und Mama, 2 Papas, nur eine Mama oder wer auch immer ist. Damit das klar ist.

 

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2 Kommentare zu “Selber denken?

  1. Ich stimme dir zu. Wir müssen in einer immer komplexer werdenden Welt, um vernünftig an ihr teilzuhaben, auf Urteile anderer vertrauen. Einschätzungen von Menschen, denen wir einmal Kompetenz in einem Gebiet zugestanden haben, lesen wir weniger spezifisch. Das ist hilfreich, um Informationen zu verarbeiten.

    Aber auch aus einem anderen Grund ist es nicht unerheblich, wer spricht. So sind Menschen und Meinungen auch immer Vertreter unterschiedlicher Interessen. Alleine deshalb ist es sinnvoll darauf zu achten, wer spricht.

    Aber in einem anderen Punkt ist es egal, wer eine Aussage trifft. Nämlich in der Beurteilung ob sie wahr oder unwahr ist. Egal aus welchem politischen Spektrum ein Sprecher kommt, dieselbe Aussage bleibt wahr oder unwahr.

    Dass das im politischen Alltag so nicht gehandhabt wird, ist auch der Fall. So wird der politische Gegner auch bekämpft, selbst wenn in einem bestimmten Punkt Übereinkunft herrscht. Ihm wird dann beispielsweise vorgeworfen die Aussage anders gemeint zu haben oder schlicht zu lügen.

    Liebe Grüße
    @elfriedezwei

    • > Egal aus welchem politischen Spektrum ein Sprecher kommt, dieselbe Aussage bleibt wahr oder unwahr.

      Ich staune auch immer wieder, aus welcher Ecke man manchmal erstaunlich Richtiges hört. Aber das überhaupt beurteilen zu können, setzt ja bereits ein erhebliches Maß an Kenntnissen und vorher erfolgter Reflektion voraus. Wenn ich die nicht habe, werde ich mich auch bei der Antwort auf die Frage „Wahr oder Unwahr?“ wenigstens zum Teil daran orientieren, wer spricht. Das ist das Eine.

      Das Andere ist: Ohne eine gewisse Vorsortierung kommt man nicht weiter, jedenfalls dann nicht, wenn man die Menschen nicht persönlich kennt. Um z.B. unterscheiden zu können, welche Abgeordnete und welche Partei ich wählen soll, bedarf es einer weiteren Krücke als Entscheidungshilfe. Ich fände es durchaus wünschenswert, wenn Parteien und Politiker nicht alle den Pragmatismus feiern sondern klarer ideologisch ausgerichtet wären. Sprich, ich wähle z.B. SPD und bekomme dann im Großen und Ganzen auch sozialdemokratische Politik und nicht etwa forcierte Privatisierungen. (Was keine Polemik gegen Kompromisse sein soll – die sind eine unerlässliche Grundlage der Zivilisation.) Je klarer die weltanschauliche Ausrichtung, desto weniger kommt es auf die einzelne Person an.

      Das geht in etwas in die Richtung, die du auch erwähnst:

      >So sind Menschen und Meinungen auch immer Vertreter unterschiedlicher Interessen. Alleine deshalb ist es sinnvoll darauf zu achten, wer spricht.

      Ich finde es sehr hilfreich, wenn ich erkennen kann, wessen Interessen jemand vertritt und aus welcher Ecke er oder sie kommt. Das sollte einem aber wiederum nicht das Hirn verkleistern, denn: s.o.

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