Twitter-Lyrik

Nachdem nun  auch  Sarah Wagenknecht in der FAZ anlässlich der Rezension einer Goethe-Biografie den twitterbedingten Niedergang der  deutschen Sprache beklagt, sehe ich es ein: Es wird höchste Zeit gegenzusteuern. Zeit, der geistig verkümmernden Twitter-Generation etwas Kultur aufs Auge zu drücken – in Form von klassischer deutscher Lyrik.  Wer wäre dazu berufener als ich? Welches Medium wäre dafür geeigneter als Twitter? Eben.

Haikus sind ideale Twitter-Lyrik. Haikus sind praktisch nie länger als 140 Zeichen.  Und es gibt auch ein paar Beispiele deutscher Haiku-Dichtung. Rilke hat schon 1920 damit experimentiert. Besser gefallen hat mir aber  ein späteres Beispiel von Günter Eich:

Vorsicht

Die Kastanien blühn.
Ich nehme es zur Kenntnis,
äußere mich aber nicht dazu

Von Günter Eich stammt auch ein Gedicht, das in einem  meiner Schulbücher abgedruckt war. Das geht so:

Verlassene Alm

Regenwasser
in den Trittspuren der Kühe.
Ratlose Fliegen
nah am November.

Der rote Nagel wird den Wind nicht überstehen.
Der Rahmen wird in den Angeln kreischen,
einmal an den Rahmen schlagen,
einmal an die Mauer.

Wer hört ihn?

Das ist natürlich kein Haiku und viel zu lang für einen Tweet. Andererseits ist die erste Strophe für sich genommen auch schon ein schönes Gedicht. Und mit  gerade mal 73 Zeichen absolut twittertauglich. Mit 139 Zeichen würde die zweite Strophe auch gerade noch in einen Tweet  passen. Und das lehrerhafte „Wer hört ihn?“ am Schluss lassen wir weg.

Und damit wären wir schon beim mutigen, kreativen Umgang mit der Lyrik. „Zerpflücke eine Rose – jedes Blatt ist schön.“ sagt Bertolt Brecht und hat vollkommen Recht. Er war in dieser Hinsicht ja auch nicht gerade zimperlich. Na dann:

Das kleine Haus unter Bäumen am See
Vom Dach steigt Rauch.

ist doch ein wunderbares Haiku. Auch die brechtisch-belehrende zweite Strophe ist zwar sehr schön (und passt sogar noch innerhalb eines einzigen Tweets dazu):

Fehlte er,
Wie trostlos dann wären,
Haus Bäume und See.

Wenn einem aber nicht nach Nachdenken ist sondern nur nach schönen Bildern, kann man sich auf die erste Strophe beschränken. Wir arbeiten uns jetzt vor zu den Klassikern. Von Friedrich Hölderlin stammen die Zeilen:

Die Mauern stehen
Sprachlos und kalt. Im Winde
Klirren die Fahnen.

Wow, das ist gewaltige Sprache! Wen fröstelt da nicht? Und dann ist es auch noch ein lupenreines Haiku nach der 5-7-5-Silbenregel*. Obwohl Hölderlin (wahrscheinlich) nie etwas von Haikus gehört hat.  Natürlich stammen auch diese drei  Zeilen wieder aus einem etwas  längeren Gedicht, und zwar aus dem großartigsten Stück Lyrik, das ich kenne. Aber die drei Zeilen funktionieren auch ohne den Zusammenhang, oder etwa nicht? Ich meine: Man kann das machen.

Wo wir schon so weit gekommen sind, knöpfen wir uns jetzt Goethe vor, um den es ja irgendwie die ganze Zeit geht. Da ist viel zu holen. Wer des Vaterlands mal wieder so richtig überdrüssig ist (was ja so selten nicht vorkommen soll), findet seine Stimmung vielleicht in folgenden Zeilen wieder (120 Zeichen):

Ehrlicher Mann
Fliehe dies Land.
Tote Sümpfe,
Dumpfe Oktobernebel
Verweben ihre Ausflüsse
Hier unzertrennlich
.

Auch das ist mitten aus einem langen Gedicht herausgetrennt. („An Behrisch“). Das darf man! Was lernen wir daraus? Twitter ist ein cooles Medium um Lyrik zu verbreiten, kreativ damit umzugehen und natürlich auch um selber zu dichten, wenn man mag.  Wir schließen mit einem lyrischen Aphorismus von Goethe, der nicht nur in einen Tweet sondern auch gut zum Aufhänger dieses Blogposts passt:

Steil wohl ist er, der Weg zur
Wahrheit, und schlüpfrig zu steigen,
Aber wir legen ihn doch nicht
gern auf Eseln zurück
.

*jedenfalls wenn man bei der ersten Zeile ein bisschen mogelt und aus Hölderlins „stehn“ ein „stehen“ macht. Ich war so frei.

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Ein Kommentar zu “Twitter-Lyrik

  1. Morgendliche Rede an den Baum Griehn – Opa Hans

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