Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See.
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen und wo
Den Sonnenschein
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Friedrich Hölderlin

Ist das nicht großartig? Erst diese exaltierte, berauschte Naturschwärmerei, und dann – zack! – wie ein eiskalter Griff ans Herz das „Weh mir!“. Da steht der Dichter in der strahlenden Septembersonne am See und plötzlich überfällt ihn wie ein schwarzer Schatten der Gedanke an den langen kalten Winter, der bevorsteht. Für mich ist es das Gedicht des unglücklichen Menschen, der eine schöne Gegenwart kaum genießen kann, weil sein Gehirn unaufhörlich arbeitet und düstere Bilder produziert, die sich in den Vordergrund schieben. Bilder von Dingen die passieren werden oder auch nur passieren könnten. Ein deutsches Gedicht.

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2 Kommentare zu “Hälfte des Lebens

  1. Twitter-Lyrik – Opa Hans

  2. Morgendliche Rede an den Baum Griehn – Opa Hans

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