Gesetze und Zivilisation

Der Ingenieur als Moralphilosoph? Wird das gutgehen? Mal sehn:

Bei jedem neuen Gesetz oder jeder neuen Reglementierung, die auch nur erwogen wird, setzt ein vielstimmiges Wehklagen ein: „Wie furchtbar, wollen die uns jetzt alles verbieten, diese Überregulierung , Verbotspartei …“ etc. Tempolimit, Frauenquote, Rauchverbote, Behindertenparkplätze oder was auch immer: Die Reaktionen ähneln sich.

Dabei geht es bei den meisten dieser heftig beklagten Regelungen (und bei den genannten Beispielen auf jeden Fall!) im Kern darum, etwas mehr Chancengleichheit herzustellen oder Schwächere zu schützen. In erster Linie jammern und wehklagen diejenigen, die einen Teil ihrer Privilegien einzubüßen fürchten. Und wenn sie keine anderen haben, fürchten sie den Verlust des Privilegs, sich zu benehmen wie Sau. Doch damit stehen sie auf verlorenem Posten.

Es ist nämlich das Erfolgsmodell der Zivilisationen, Regeln aufzustellen. Regeln die im Kern vor allem eines tun: Das Recht der Stärkeren begrenzen. Und aus diesem Grund setzt sich die Zivilisation durch. Zivilisierte Gesellschaften sind leistungsfähiger. Wo die Starken schrankenlos dominieren, haben die Klugen keine Chance.

In barbarischen Gesellschaften sind behinderte oder schwächliche Kinder von der Gesellschaft ausgeschlossen. Kurzsichtige fallen als Kleinkinder irgendwann in ein Loch und sind weg. Wo man auf die Kurzsichtigen achtet und die Schwächlichen fördert, erfindet eine/r von ihnen irgendwann die Brille. Oder ein neues Bewässerungssystem. Oder das Rad. So bringen sie ihre Gesellschaft voran, schaffen Reichtum und Sicherheit. Gesellschaften, die auf dieses Potenzial verzichten, geraten ins Hintertreffen.

Es ist ein langwieriger Prozess und es gibt immer wieder fürchterliche Rückschläge. Aber insgesamt setzt es sich durch: Mit Zusammenarbeit und Teilhabe kommt man weiter als mit Ausgrenzung und starren Hierarchien: Survival of the fittest society.

Die zehn Gebote, die christliche Morallehre, das bürgerliche Gesetzbuch und vieles andere sind Meilensteine der Zivilisation, Voraussetzungen des Fortschritts. Man muss eingreifen in das Machtgefüge, wenn man eine Gesellschaft voranbringen will. Heute ist es eine maßlose und barbarische Verschwendung, wenn machtbewusste dumme Männercliquen die Frauen von den leitenden Jobs fernhalten oder wenn Migrantenkindern der Weg in die Unis erschwert wird.

Es ist gefährlicher Unsinn zu glauben, eine Gesellschaft ohne Reglementierungen sei besonders frei. Das wäre immer nur die Freiheit von einigen wenigen. Wirklich freie Gesellschaften haben ein ausgewogenes System von Gesetzen und Regeln, das die Rechte der momentan Schwächeren schützt.

Das kann so weit gehen, dass man den zu Schützenden Vorschriften gegen ihren Willen macht. Beispiel Schulpflicht. Die Eltern würden ihr Kind lieber auf dem Feld arbeiten sehen als in der Schule, und das Kind – wenn man es fragt – sagt auch, es wäre lieber an der frischen Luft. Das Problem heißt Mündigkeit. So einfach ist das nicht mit der freien Entscheidung, bei einer so asymmetrischen Beziehung mit einseitigen Abhängigkeiten wie zwischen Kindern und Erwachsenen. Und bei den Möglichkeiten der Manipulation, über die (manche) Erwachsene gegenüber Kindern verfügen. Kinder brauchen Schutz, zur Not auch gesetzlichen, zur Not auch vor den eigenen Eltern.

Es ist richtig, wenn das Bundesverwaltungsgericht sagt: Auch das muslimische Mädchen muss in die Schule, es muss am Sportunterricht und auch am Schwimmunterricht teilnehmen. Basta. Der nichtreligiöse Staat greift ein, schützt das Mädchen vor der Macht ihres Vaters oder ihrer Brüder und sorgt dafür, dass ihre Chancen für die Zukunft gewahrt bleiben. Denn auch muslimische Mädchen sollen lesen, schreiben, rechnen  – und schwimmen lernen. Nur so werden sie irgendwann die Chance haben, frei über ihr Leben zu entscheiden.

Wer in solchen Zusammenhängen gegen Zwangsmaßnahmen argumentiert, dem ist die Freiheit des Individuums in Wirklichkeit egal. Denn er überlässt das Kind kampflos der reaktionären elterlichen Gewalt und Bevormundung.

Das heißt noch lange nicht, dass Gesetze immer etwas Gutes sind. Es gibt eine Menge Regelungen, deren Zweck nicht Schutz und Förderung der Schwachen sind, sondern das Gegenteil, nämlich das gewaltsame Aufrechterhalten von Machtstrukturen und Privilegien. Gesetze, die homosexuellen Paaren keine Adoption erlauben oder Bestimmungen, die Flüchtlingen verbieten, sich frei zu bewegen, gehören abgeschafft. Dafür können am anderen Ende locker ein paar neue Regeln eingeführt werden, die die Gesellschaft voranbringen – ohne dass deshalb mit Überregulierung zu rechnen ist.

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