Sind Fahrradhelme gefährlich?

Kürzlich ist im Berliner Tagesspiegel dieser Text von Michael Cramer, Europaabgeordneter und Verkehrsexperte der Grünen, erschienen. Und wenig später hat er in der taz ungefähr das Gleiche noch einmal von sich gegeben. Ein paar Anmerkungen dazu:

Wozu ist ein Fahrradhelm gut? Die Frage ist zunächst einmal ganz einfach zu beantworten, mit ein bisschen Mittelstufenphysik: Beim Aufprall z.B. eines Kopfes auf eine Straße gilt: a=v²/2s. Dabei ist a die beim Aufprall auf den Kopf wirkende Verzögerung, v die Aufprallgeschwindigkeit und s der Weg, der zum Abbremsen zur Verfügung steht. Je geringer die Verzögerung a, desto besser; denn desto sanfter wird der Kopf abgebremst. Wie aus der Formel leicht abzuleiten und auch mit Alltagserfahrung nachzuvollziehen, ist wiederum die Verzögerung umso geringer, je mehr Weg zur Verfügung steht. Schon ein wenig mehr Weg kann viel ausmachen. Und dieses bisschen zusätzlichen Weg stellt der Helm zur Verfügung.

Ein Rechenbeispiel: Stürzen wir kopfüber aus einer Höhe von 1,6 m, dann schlägt unser Kopf mit einer Geschwindigkeit von 5,6 m/s auf dem Boden auf, das sind rund 20 km/h. Nehmen wir an, der Asphalt gibt ein bisschen nach und der Schädel auch, dann steht ohne Helm vielleicht ein Zentimeter Weg zur Verfügung, um diese Geschwindigkeit abzubauen. Daraus errechnet sich mit der Formel eine wirksame Verzögerung von 1568 m/s² bzw. rund 160 g. (Die 160fache Erdbeschleunigung). Wenn uns der Helm mit seiner Styroporschicht z.B. 3 cm mehr zur Verfügung stellt, vermindert sich dadurch die Belastung auf 385 m/s² oder 39 g.

Der Helm des Anstoßes

Der Helm des Anstoßes

Man weiß so in etwa, was ein menschlicher Kopf aushält. Natürlich ist das individuell unterschiedlich und hängt auch von der Einwirkzeit ab, aber ungefähr bei 80 g ist mit schweren Verletzungen zu rechnen. Fallen wir ohne Helm auf die Straße, liegt die Belastung beim Doppelten dieses Werts, mit Helm beträgt sie die Hälfte davon.

Es gibt noch einen anderen Aspekt*, auf den mich der sagenhafte Will Sagen völlig zu Recht aufmerksam gemacht hat. Ich zitiere:

„Hinzukommt aber noch, dass die eingeleiteten Kräfte auf den Schädel sich auf eine größere Einwirkfläche verteilen. Die Flächenpressung auf den Schädel wird dadurch geringer. Trifft der Kopf ungeschützt auf eine Bordsteinkante, wirkt die Kante wie eine Axt im Holzscheit. Mit Helm dazwischen werden die Kräfte in der Polsterung auf eine größere Fläche ausgedehnt, womit sie in ihrer Aggressivität abgeschwächt werden.“

Das ist 100 % richtig. Diese beiden Effekte – geringere Verzögerung durch mehr Weg und Verteilung der Kräfte auf eine größere Fläche – sind wirksam.So einfach ist das. Helme schützen.

Natürlich nicht immer und nicht in jeder Unfallsituation. Wenn eine Radfahrerin von einem rechts abbiegenden Lkw erfasst und überrollt wird, nützt ihr der Fahrradhelm überhaupt nichts. Dazu schrieb ich bereits etwas. Auch Tempo 30 in der Stadt würde allerdings an Anzahl und Schwere der Unfälle mit abbiegenden Lkw nicht das geringste ändern – könnte dafür aber in anderen Situationen Leben retten. Auch darüber schrieb ich. Es gibt keine einzelne Maßnahme, die gleichermaßen in allen denkbaren Unfallszenarien wirksam ist. Gegen Fahrradhelme damit zu argumentieren, dass sie bei Abbiegeunfällen mit Lkw nichts helfen, ist etwa so sinnvoll wie die Feststellung, dass ein Blitzableiter nicht vor Grippe schützt.

Der Helm vermindert überall dort die Verletzungsschwere, wo der Kopf mit harten Gegenständen zusammenstößt. Das kann die Fahrbahn sein wie in unserem Rechenbeispiel oder die Dachkante eines Pkw oder irgendetwas anderes. Selten sind solche Zusammenstöße nicht. Und schwere Kopfverletzungen sind eine sehr sehr üble Sache. Nicht wenige sind dadurch für den Rest ihres jungen Lebens zum Pflegefall geworden – der Sprache und des klaren Denkens für  immer beraubt. Mit Helm wären es vielleicht ein paar Tage Brummschädel gewesen.

Die Helmanlegequote ist bei niederländischen Radfahrenden sehr niedrig und in den USA sehr hoch. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit beim Radfahren verletzt oder getötet zu werden in den USA viel höher als in den Niederlanden. Also nützt der Helm nichts, bzw. schadet sogar.“ Das ist die klassische Statistik-Bullshit-Argumentation, bei der willkürlich Zahlen verglichen und Pseudozusammenhänge konstruiert werden. Vielleicht unterscheiden sich der Straßenverkehr in den USA und den Niederlanden ja noch in ein paar anderen Dingen als der Fahrradhelmquote? Wäre das denkbar?

(Übrigens liest man den gleichen Quark unter anderem Vorzeichen auch von den Gegnern eines Tempolimits auf deutschen Autobahnen:  „Die Unfallrate auf den tempobegrenzten amerikanischen Highways ist höher als auf deutschen Autobahnen. Also macht Geschwindigkeitsbegrenzung die Straßen nicht sicherer.“ Stöhn.)

Etwas seriöser ist schon das Argument mit der Risikokompensation. Das besagt kurz zusammengefasst: Wenn man ein Verkehrsmittel sicherer macht, sinkt nicht unbedingt die Unfallrate/Unfallschwere. Stattdessen wird das erweiterte Sicherheitsreservoir ausgereizt, um riskanter zu fahren. Dadurch wird der positive Effekt der neuen Sicherheitseinrichtung kompensiert oder sogar überkompensiert. Sowas gibt es wohl. Z.B. scheint es, dass Anfang der 1990er Jahre die Verbreitung von ABS-Bremsen zunächst nicht zu einer Abnahme der Unfallzahlen führte, obwohl die Autos dadurch objektiv sicherer wurden.

Die einzige Studie, die das im Zusammenhang mit Fahrradhelmen zu belegen scheint, ist die von Dr. Ian Walker von der Universität Bath. Darin wird festgestellt, dass an behelmten Radfahrenden mit geringerem Seitenabstand vorbeigefahren wird als an unbehelmten. Der Unterschied liegt allerdings bei weniger als 10 cm. Stärker wirkt sich der Abstand aus, der zwischen Fahrrad und Fahrbahnrand eingehalten wird. Überraschenderweise halten die Kraftfahrenden um so mehr Seitenabstand zum Fahrrad, je näher dieses am Fahrbahnrand fährt. (Ein Ergebnis, das der herrschenden Lehre von ADFC und Co ziemlich widerspricht und deshalb wohl nicht an die große Glocke gehängt wird.) Offen bleibt auch die Frage, ob und gegebenenfalls wie stark sich ein etwas geringerer Seitenabstand wirklich auf Unfallrisiko und Unfallschwere auswirkt. Aus den ermittelten knapp 10 cm ein „Helme sind gefährlich“ zu machen ist auf jeden  Fall – vorsichtig ausgedrückt – gewagt. Die Studie von Walker ist im Übrigen umstritten.**

Wir halten fest: Es gibt keine belastbaren Argumente gegen das Tragen von Fahrradhelmen. Das heißt nicht, dass es keine vernünftigen Argumente gegen eine Helmpflicht gibt. Denn in der Tat müssen wir wohl davon ausgehen, dass die Pflicht einen Helm zu tragen, viele vom Radfahren abhalten würde. Das ist verkehrspolitisch unerwünscht und würde möglicherweise auch die Sicherheit der verbliebenen Radfahrenden etwas beeinträchtigen.

Die Antwort darauf kann nur sein, dass man für das Tragen von Fahrradhelmen wirbt, und die Akzeptanz steigert, bevor eine Helmpflicht eingeführt wird. Vielleicht kann man dann auf die Pflicht sogar verzichten, weil ihn sowieso die Meisten freiwillig tragen. Wer mit alarmistischem und unwissenschaftlichem Gedöns gegen Fahrradhelme Stimmung macht, trägt dagegen nicht zur Sicherheit der Radfahrenden bei. Im Gegenteil.

*Dieser Absatz wurde am 21.08.2013 der Vollständigkeit halber nachträglich eingefügt.

** Die Behauptung, es sei Konsens unter Unfallforschern, dass Fahrradhelme das Radfahren gefährlicher machten, ist dummdreister Unsinn. Z.B. hat der Leiter der Unfallforschung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherer (GDV), Siegfried Brockmann, in einem Leserbrief an den Tagesspiegel recht ungehalten auf die Cramerschen Ergüsse reagiert.

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7 Kommentare zu “Sind Fahrradhelme gefährlich?

  1. willsagen.de » Blog Archiv » Fahrradhelme sind wie Smartphonehüllen

  2. Ein Helm kann schützen, muss es aber nicht. Dafür werben ist gut, eine Pflicht ist aber kontraproduktiv. Was mich an der ganzen Diskussion nicht gefällt: Es lenkt vom eigentlichen Problem ab: In Deutschland wird zu wenig und zu falsch in Fahrradinfrastruktur investiert! Das darf man nicht aus dem Auge verlieren.

  3. Hüte Dich! › "Auto .. geil"

  4. Zweite Probefahrt mit dem Rotwild R.X45 AMG – dem AMG Mountainbike > AMG Mountainbike, Probefahrt AMG Mountainbike, Rotwild AMG Mountainbike, Rotwild X.45 AMG, Rotwild X.45 Test, Test AMG Mountainbike > rad-ab.com

  5. Vereinfachungen – Opa Hans

  6. Ein Aspekt fehlt. Wenn ich mit einer komischen auf dem Kopf gebundenen Schachtel herumfahre, dann behindert mich das beim Fahren und erhöht die Unfallgefahr.

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