Tempo 120

Wie in dem Beitrag über Tempo 30 in der Stadt will ich hier nicht mit Statistiken und großen Zahlen argumentieren, sondern in Einzelne gehen. Wie wirkt sich der Unterschied zwischen 120  und – sagen wir  – 210 km/h konkret aus?*

Heinz A. ist mit seinem VW Passat, seiner Familie und seinem Wohnanhänger auf dem Rückweg aus Frankreich. Er fährt mit den für Gespanne vorgeschriebenen 80 km/h. Kurz hinter dem Crailsheimer Kreuz ist er schon 7 Stunden am Steuer, er fühlt sich noch fit, aber ein bisschen müde ist er doch.

Hinter ihm kommt Lisa B. in ihrem BMW 530 d von einem anstrengenden Meeting in Mannheim zurück. Lisa ist gestresst und hat es eilig. Lisa fährt 210, ihr BMW schnürt leichtfüßig die linke Spur entlang. Vor Heinz ist ein schwerbeladener Lkw, der jetzt an einer leichten Steigung sichtlich langsamer wird.  Heinz setzt zum Überholen an.  Er guckt kurz in den linken Außenspiegel, sieht nichts und zieht nach links.  So ein vollständiger Spurwechsel dauert 7 bis 8 Sekunden. (Technisch geht das viel schneller, aber Heinz ist kein Rallye-Fahrer und hat einen Wohnwagen hinten dran.) Das Blöde ist: Heinz hat in seinen Ausleger-Spiegeln übersehen, dass Lisas grauer BMW in 200 m Entfernung hinter ihm auf der linken Spur war, als er auszuscheren begann.  200 m – ganz schön viel. Aber bei 210 km/h verdammt wenig.

Lisa war mit ihren Gedanken einen Moment woanders,  jetzt sieht sie plötzlich, dass das Wohnwagengespann vor ihr sich seitwärts bewegt. Einen Moment denkt sie noch „der pendelt“, dann wird ihr klar: „Nein der zieht rüber!“  Lisa geht in die Eisen. Da ist der Passat aber schon halb auf dem linken Fahrstreifen, 4 wertvolle Sekunden sind verstrichen, eine Sekunde Reaktionszeit kommt noch hinzu, bis der BMW voll verzögert. Auch Heinz hat sich in dieser Zeit vorwärts bewegt, aber nur mit 80 km/h. In den 5 Sekunden hat Lisa 292 m zurückgelegt aber Heinz nur 111 m, sie ist also 181 m näher gekommen und nur noch 19 m hinter dem Wohnwagen, als endlich die Bremsung einsetzt. Bremsassistent, ABS und Scheibenbremsen leisten ganze Arbeit – aber mehr als 9 m/s² Verzögerung sind nun mal nicht drin. Der Bremsweg aus 210 km/h ist 189 m lang!

Jetzt bremst der BMW, er wird langsamer, dennoch ist er noch viel schneller als das weiter mit 80 fahrende Gespann aus Passat und Wohnwagen. Schon nach 0,6 sec hat der BMW das Gespann eingeholt, in dieser Zeit konnte Lisa ihre Geschwindigkeit erst auf 192 km/h verringern. Der BMW prallt mit einer Überschussgeschwindigkeit von 112 km/h gegen die linke hintere Ecke des Wohnwagens.

Schnitt.

Schauen wir uns jetzt mal an, was passiert wäre, wenn 120 km/h gegolten hätten und Lisa sich (widerwillig aber gesetzestreu) daran gehalten hätte:

Wie zuvor: Heinz sieht den BMW 200 m hinter ihm nicht und schert aus, Lisa reagiert ein bisschen langsam. Mit 120 km/h legt sie in den 5 verlorenen Sekunden aber nur 167 m zurück, während das Gespann 111 m weiter fährt. Der BMW ist also nur 56 m näher gekommen und hat noch einen Abstand von 144 m, als die Bremsung einsetzt. Wenn sie jetzt voll bremsen würde, hätte Lisa nach 1,2 weiteren Sekunden auf 80 verzögert, und das Gespann wäre immer noch 137 m vor ihr! Sie müsste also bei weitem keine Vollbremsung machen um den Unfall zu verhindern und in sicherem Abstand hinter dem Wohnwagen zu bleiben.

Das Szenario habe ich mir ausgedacht. Aber man wird schwerlich behaupten können, dass es abwegig ist (und die Werte sind natürlich berechnet**). Tatsächlich passieren solche Unfälle. Immer wieder. Wer mehr dazu wissen will, kann sich in die Statistik vertiefen. Gut 10% der Verkehrstoten sterben auf Autobahnen. Das ist verglichen mit der Transportleistung wenig. Autobahnen sind sichere Straßen. Nur deshalb ist es ja überhaupt möglich, dort so schnell zu fahren, ohne dass es ein tägliches Gemetzel wird. Das heißt aber nicht, dass eine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme sinnlos wäre.

Das Beispiel zeigt, was speziell auf der Autobahn das Problem  ist: Der enorme Geschwindigkeitsunterschied zwischen den Fahrzeugen. Den zu vermindern, indem man die Spitzen kappt, würde viele Unfälle verhindern und viele andere weniger schwer ausfallen lassen. Das lässt sich nicht wegdiskutieren  – mit keiner Statistik der Welt.

Ein Tempolimit von 120 km/ h würde jedes Jahr ein paar Dutzend Menschen das Leben retten und Hunderten schwere Verletzungen ersparen. Im Gegenzug müssten wir alle auf den Spaß verzichten, richtig schnell zu fahren. Und in Kauf nehmen, dass wir (manchmal, vielleicht) eine Stunde länger brauchen, um mit dem Auto von Berlin nach München zu kommen. Jetzt frage ich euch: Ist das ein unfairer Deal?

* Inspiriert zu dem Artikel hat mich der geniale Sash, der zum gleichen Thema einen höchst lesenswerten Beitrag geleistet hat.

** Wer’s nachrechnen will, findet hier die Formeln.

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4 Kommentare zu “Tempo 120

  1. Laut deiner Theorie könnte man aber auch an allen Autobahnen eine dritte Spur bzw. 4 Spur die erst ab 100, 120 oder 130 befahren werden darf

    • Könnte man, keine Zweifel. Nur müsste man das auch finanzieren, und die Kosten lägen – für alle Autobahnen zusammen – im zweistelligen Milliardenbereich, nur damit ein kleiner Bruchteil der Autofahrer extrem hohe Geschwindigkeiten fahren kann. Der Kosten-Nutzen-Faktor wäre extrem gering (<<1), womit das schon rechtlich nicht zulässig wäre (von politisch durchsetzbar ganz zu schweigen). Zudem selbst bei einem Limit von 130 km/h auf dieser Spur das Kernproblem nicht gelöst wäre, die Differenz zwischen den – derzeit in etwa maximalen – 240 km/h und den dann erlaubten 130 km/h läge immer noch bei 110 km/h.

  2. willsagen.de » Blog Archiv » 120 oder 210 km/h?

  3. Bäume sind böse – Opa Hans

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