Spreeufer für alle?

Eine der jüngsten Säue, die gerade durch das Berliner Dorf getrieben werden, ist der angebliche Abriss der Eastside-Gallery. Ich will im ersten Teil dieses Blogposts etwas zur Versachlichung der Debatte beitragen. (Im zweiten Teil wird dann wieder entsachlicht und lustig polemisiert.) Worum geht’s?

eastside

Derzeit vor allem um die Grundstücke am Nordostufer der Spree, die in der Skizze* rot umrandet dargestellt sind. Für Nichtberliner: Die dicke blaue Linie ist das längste Stück Berliner Mauer, das stehen geblieben ist. Die Spree markierte hier die Grenze, Friedrichshain gehörte zu Ostberlin und Kreuzberg zum Westen. Nach der Wiedervereinigung wurde das Mauerstück auf der nordöstlichen Seite von Künstlern bemalt und ist heute als Eastside-Gallery ein Anziehungspunkt für Touristen.

Zunächst macht die Skizze deutlich, dass dieses Mauerstück schon lange nicht mehr vollkommen intakt ist, sondern  – wenn ich richtig gezählt habe – an mindestens vier Stellen durchbrochen. Man will ja auch mal auf die andere, die Ufer-Seite. Die ist inzwischen übrigens auch bunt bemalt, allerdings eher Graffiti-mäßig, nicht so „künstlerisch“. (Zur Ästhetik der bemalten Mauer gibt es einen schönen Beitrag von Will Sagen.)

Der größte Durchbruch (rund 40 m breit) gegenüber der O2-World schafft eine Verbindung zwischen dieser Veranstaltungshalle und dem Dampferanleger an der Spree. Darüber hat sich seinerzeit niemand groß aufgeregt (abgesehen davon, dass viele die ganze  O2-World nicht gut finden). Warum auch? Das künstlerische Mauerstück wurde ja nicht geschreddert sondern einfach beiseite gerückt, wie man auch auf der Skizze sehen kann.

Tja und nun soll(te) eine weitere etwa 20 m breite Öffnung in die Mauer gebrochen werden, etwa dort wo die magentafarbene Markierung ist. Nicht mehr und nicht weniger. Von einem Abriss oder auch nur Teilabriss der Eastside-Gallery kann keine Rede sein.

Es hieß weiter, dieser Durchbruch würde für die künftigen Bewohner/innen von Luxuswohnungen auf dem Grundstück zwischen „Oststrand-“ und „Yaam-„Gelände geschaffen. Dies wurde allerdings vom Bauherrn vehement dementiert. Allein schon von der Topografie her erscheint das Dementi äußerst glaubwürdig;  denn der Durchbruch liegt nun einmal genau in der Verlängerung der vom Bezirk zum Wiederaufbau vorgesehenen „Brommy-Brücke“. Wie auch immer, das Abendland würde jedenfalls nicht untergehen, wenn aus der Mauergalerie ein weiteres Stück herausgetrennt und beiseite gestellt würde.

Und jetzt noch „Mediaspree versenken“. Die taz hat in einem erhellenden Artikel klargestellt, dass diesem Verein die Eastside-Gallery im Grunde herzlich egal ist. Na ja, gut, aber ist nicht davon abgesehen das Anliegen, eine Bebauung des Ufers zu verhindern, im Grunde legitim und unterstützenswert? Schließlich sollen auch künftig die Menschen ungehindert am Spreeufer flanieren oder picknicken können!

Schauen wir noch einmal auf die Karte. Grau markiert sind die Grundstücke, die nicht frei zugänglich sind. Uupss, das sind ja die mit den Clubs und Stränden! Und einige von deren Betreibern kämpfen Seite an Seite mit „Mediaspree versenken“ gegen die Bebauung des Ufers. Na sowas!

Spreeufer für alle? Zaun des "Yaam"-Club

Spreeufer für alle? Zaun des „Yaam“-Club

Hingegen hat jeder Investor, der am Ufer baut, die Auflage, einen frei zugänglichen Uferweg (für alle und ohne Eintritt!) anzulegen. Man kann es nicht anders sagen: Was „Mediaspree versenken“ zu verteidigen vorgibt, wird es  erst geben, wenn sich die Investoren durchgesetzt haben und die Clubs verschwunden sind.

Sicher, so ein „Strand“ mit exklusivem Wasserzugang ist was Feines. Und hippe Clubs sind auch schön – und gut für die Stadt. Nur weil Opa Hans und Oma Elfriede nicht zu deren Zielgruppen zählen, muss man ja nicht gleich dagegen sein**.  Aber es wäre doch wünschenswert, dass Mediaspreegegner und  Clubbetreiber etwas ehrlicher argumentieren, statt unentwegt Nebelkerzen zu zünden.

Und zu guter Letzt noch ein Wort zu den „Luxus-Wohnungen“. Clubbetreiber Sascha Disselkamp schießt den Vogel ab mit seinem Spruch: „Hier waren Selbstschussanlagen, an diesem Ort sind Menschen gestorben. Hier jetzt Luxuswohnungen hinzubauen ist so, als würde man auf der Museumsinsel eine Tankstelle errichten.“ Die Besucher von Oststrand und Yaam haben sich natürlich immer nur zum gemeinsamen stillen Gedenken an die Maueropfer dort versammelt, ist klar.

Außerdem ist das mit dem Luxus relativ. Bill Gates und Warren Buffet werden sich da nicht einkaufen. Wohl eher ein paar Ärztinnen, Anwälte oder Architektinnen, die gut im Geschäft sind. Die kann man mögen oder nicht, aber wo ist das Problem? Freunde, diese Wohnungen werden zusätzlich gebaut! Das ist keine „Luxussanierung“. Niemand wird dadurch verdrängt. Und wenn ein paar von den reichen Leuten dann über die Brommybrücke in den Kreuzberger Kiez flanieren? Wie furchtbar! Die könnten da ja Essen gehen oder gar einkaufen! Das fänden die Kreuzberger/innen, die einen Imbiss, ein Restaurant, einen Bäckerladen, eine Wäscherei oder was auch immer betreiben, bestimmt ganz schlimm.

* Die Skizze habe ich selbst gezeichnet, auf der Basis von eigener Anschauung, Pressemeldungen und ein bisschen Googeln. Ich denke, sie stimmt im Großen und Ganzen.
**Einen schönen Kompromissvorschlag werde ich in einem späteren Post unterbreiten. Da wird dann auch viel zu Uferwegen an der Spree geschrieben.

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5 Kommentare zu “Spreeufer für alle?

  1. das ist ja ein stadtplanerisch vollkommen guter ansatz. einfach auf jeden freien quadratmeter dieser stadt luxuswohnungen ZUSÄTZLICH bauen. und schon wird niemand mehr verdrängt. gute idee.

  2. Ganz abgesehen davon, dass Ärztinnen, Anwälte oder Architektinnen in Ihrer Umgebung dann bei ALDI und im Späti einkaufen gehen. Nein, für diese Nicht-Verdränger*innen wird in unmittelbarer Nähe eine exclusive Shopping-Mall gebaut. Sollen die ganzen Hartzler doch gefälligst in Marzahn-Hellersdorf einkaufen gehen. Was geht mich fremdes Elend an?!

  3. Living Levels – Opa Hans

  4. Immer an der Spree lang – Opa Hans

  5. Die Mauer in ihren Köpfen – Opa Hans

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