Der Tischler als Altlast

Man muss die Sprache nicht versauen um die Frauen einzubauen.

Sehr viele Bezeichnungen für Menschengruppen sind in unserer Sprache geschlechtsspezifisch (in anderen Sprachen auch, aber das ist deren Problem) . Der Schreiner ist ein Mann, die Krankenschwester ist eine Frau. Wobei letzeres schon eine Ausnahme ist, denn die meisten Berufsbezeichnungen sind „eigentlich“ männlich und  werden erst mit dem Anhängsel „in“ zu einer weiblichen Form. Das ist kein Zufall sondern historisch bedingt. Eine sprachliche Altlast.

Wie sollen wir mit dieser Altlast umgehen? Was machen wir, wenn wir nicht nur über männliche Tischler schreiben wollen, sondern über alle, die diesen schönen Beruf ausüben? Es gibt da im Groben folgende Optionen:

  1. Das Problem ignorieren. Einfach immer nur die männlichen Formen verwenden.
    Alle Argumente für diese Vorgehensweise (wenn überhaupt argumentiert wird), lassen sich im Satz zusammenfassen: „Das haben wir schon immer so gemacht.“  Ergänzend wird gerne noch vorgebracht, mit den weiblichen Formen werde die Sprache umständlich, hässlich, verhunzt*. Außerdem sei es ohnehin ganz böse, bewusst die Sprachgewohnheiten ändern zu wollen. Gerne stellen sich die Anhänger/innen (hihi) der Ignoranz-Strategie auch als von  „Political Correctness“ verfolgte Minderheit dar.**
  2. ist eigentlich 1b. Die Sensibleren aus der Ignoranz-Fraktion schreiben über ihren Text oder ins Vorwort oder über das Blog etwas wie „ich schreibe immer nur die männlichen Formen, meine die Frauen aber selbstverständlich mit“.
    Netter Versuch, denkfaul zu bleiben und dennoch einen guten Eindruck zu machen!  Lasst es euch aber gesagt sein: selbst wenn ihr wirklich immer die Frauen mitdenkt; diejenigen, die eure Texte lesen, tun es nicht. Wenn wir „Tischler“ lesen, dann steht vor unserem geistigen Auge ein Mann mit einem Hobel. Mit einem guten Vor-Satz ist das nicht erledigt.
  3. Die bürokratische Variante. Wir ersetzen im gesamten Text „Tischler“ konsequent durch „Tischlerinnen und Tischler“ (oder durch „Tischler/innen“ oder durch „TischlerInnen“). Auf diese Weise liefert man den Ignorant/inn/en die Argumente. Denn solche Texte werden sperrig bis zur Unlesbarkeit. Wer’s nicht glaubt, kann ja mal die Prüfungsordnung der TU Berlin zu lesen versuchen, wo tatsächlich (wahrscheinlich mit Suchen/Ersetzen) durchweg „Studenten“ durch „Studentinnen oder Studenten“ und „Dozenten“ durch „Dozentinnen oder Dozenten“ ersetzt wurde usw.. Das ist grausam. (Allerdings sehe ich durchaus das Problem bei Texten, die im juristischen Sinne eindeutig sein müssen. Elegante und flexible Lösungen sind da manchmal schwierig.)
  4. Wir geben uns Mühe und strengen unseren Grips und unsere sprachliche Fantasie an. Manchmal kann man z.B. männliche und weibliche Formen so durcheinander würfeln, dass wirklich klar wird, dass immer beide gemeint sind. Wo es grundsätzlicher wird, namentlich am Beginn eines Textes, nennt man auch mal ausdrücklich beide. Und dann gibt es noch Worte und Formulierungen die tatsächlich geschlechtsneutral sind. Sagen wir halt „Zimmerleute“ statt „Zimmermänner und Zimmerfrauen“ … Und es spricht auch nicht das Geringste dagegen, solche Worte neu einzuführen. Zugegeben,  „Studierende“ klingt anfangs etwas merkwürdig, aber man gewöhnt sich schnell daran. Und dann ist das Wort genauso gut zu handhaben wie „Studenten“.

Ich versuche es mit Option 4. Mal sehen, wie gut das auf die Dauer gelingt. Wenn man die Sprache neuen gesellschaftlichen Realitäten anpassen oder gar die Realitäten mit der Sprache etwas voranbringen will, ist das aber wohl ein wenig Mühe wert.

Eine Frage hätte ich noch: Wie ist  das eigentlich mit dem „man“? Ich habe das Gefühl, dass mit dieser Konstruktion trotz der lautlichen Identität nicht vorwiegend „Mann“ assoziert wird, sondern Leute, alle, Herr Hinz und Frau Kunz. Sehe ich das richtig? (Ich verspreche: Wenn ich mich eines Anderen belehren lassen muss, werde ich dennoch niemals „man/frau“ schreiben sondern andere Konstruktionen suchen).

Viel mehr und viel Klügeres zu dem Thema kann man im Sprachlog  lesen, z.B. hier, Und diese Broschüre der IG Metall bringt die Sache nach meiner Einschätzung angenehm unaufgeregt und sehr verständlich auf den Punkt. Was da steht, ist eigentlich alles richtig. Erstaunlich, wo man manchmal fündig wird!

* Dieses Argument ist nicht ganz abwegig (siehe 3.). Das macht es ja überhaupt erst notwendig sich ein paar Gedanken zum Thema zu machen.
** Ein uralter Trick. Privilegierte, Mächtige und alle, die der herrschenden Mainstream-Meinung anhängen, wehren sich gerne auf diese Weise, wenn jemand es wagt, sie zu kritisieren oder ihre Privilegien in Frage zu stellen: sie drehen die tatsächlichen Verhältnisse um und fantasieren sich in die Rolle einer verfolgten Minderheit. (Kürzlich konnte man das beispielhaft bei dem Aufschrei beobachten, der durch die Qualitätspresse ging, als das Simon-Wiesenthal-Zentrum einem obsessiven „Israel-Kritiker“ Antisemitismus vorwarf.)

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2 Kommentare zu “Der Tischler als Altlast

  1. Die man/Mann Frage ist absolut unproblematisch, wenn man weiß was Homophonie ist. Kein Grund irgendwelche albernen Ersetzungen dafür zu erfinden. Die scheint es übrigens in gewissen Kreisen schon zu geben. Ich werde mich aber hüten, sie hier zu verbreiten.
    Wenn man sowas in einem ernsthaften Text liest, sieht das aus wie ein missglückter (weil kaum lustiger) Witz. Ebenso wie der man/frau Vorschlag (man/vrau wäre übrigens passender). Wenn das in einem Text mehrmals auftaucht tut es umso mehr weh.

    • Jetzt weiß ich auch was Homophonie ist, hab’s nachgeschlagen,
      Danke, ich fühle mich bestärkt und werde meine „man“-Konstruktionen bis auf weiteres weiter verwenden.

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